Stadträtin Sonja Lüthi: «Ja, wir haben ein Kokain-Problem»

Die Stadt St.Gallen ist die Kokain-Hochburg der Schweiz. In Europa liegt sie auf Platz zwei.
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Nirgends in der Schweiz wird pro Kopf so viel Kokain konsumiert wie in der Stadt St.Gallen. Europaweit liegt die Gallusstadt direkt hinter Antwerpen sogar auf dem zweiten Platz. In der Politik ist das Problem bekannt, sagt Stadträtin Sonja Lüthi.

In der Stadt St.Gallen hat sich der Kokainkonsum gegenüber dem Jahr 2020 fast verdoppelt. Die Gallusstadt ist somit die Kokainhochburg der Schweiz und verweist die Städte Zürich und Genf auf die Plätze vier und neun. Im europäischen Ranking holt sich St.Gallen zudem einen weiteren Spitzenplatz: Nur im belgischen Antwerpen wird mehr gekokst. St.Gallerinnen und St.Galler sind sozusagen Vize-Europameister im koksen.

«Würden gerne auf Titel verzichten»

Angesprochen auf die zweifelhafte Ehre gibt sich die St.Galler Stadträtin und Vorsteherin des Departements Sicherheit und Soziales, Sonja Lüthi, besorgt: «Dieses Resultat kommt nicht ganz unerwartet. Aber wir würden natürlich gerne auf solch wenig schmeichelhafte Titel verzichten.» Dass der Stadt deswegen einen Reputationsschaden droht, davon geht Lüthi nicht aus: «St.Gallen ist und bleibt in erster Linie eine lebenswerte Stadt.»

Sonja Lüthi – Vorsteherin Departement Sicherheit und Soziales
© St.Galler Tagblatt/Reto Martin

Genaue Gründe für die St.Galler Vorliebe zum «Schnee» kann Lüthi nicht nennen. Für sie ist jedoch klar, dass verschiedene Faktoren zusammenkommen müssen, damit die Droge überhaupt konsumiert wird: «Kokain ist hip, relativ günstig und rein.» Hinzu käme der Lebensstil vieler Leute: Der Druck zur Leistungsfähigkeit gepaart mit einem grossen Ego sorgten für einen Anstieg des Konsums.

Uni ist nicht die Hauptschuldige

«Wir sind eine Stadt, in der wirtschaftlich viel läuft», beginnt Lüthi ihren Erklärungsversuch. Die Studierenden an der Hochschule St.Gallen, wie in der Stadt immer wieder gemunkelt wird, können dafür nicht verantwortlich gemacht werden: «Gemäss unseren Erkenntnissen ist die treibende Kraft nicht zentral die Uni.» Kokain sei in grossen Teilen der Bevölkerung weit verbreitet.

Das bestätigt auch Regine Rust, Geschäftsleiterin der St.Galler Stiftung Suchthilfe, im Tagblatt:

Ferner könnte auch die St.Galler Nähe zum Ausland einen Einfluss haben.

Stand an der Offa soll sensibilisieren

«Die Stiftung Suchthilfe ist im Auftrag der Stadt St.Gallen schon seit Jahren im Bereich Drogen sehr aktiv. Dort hat Kokain schon länger einen grossen Stellenwert», sagt Lüthi. Konkret sei dieses Jahr im Frühling eine Sonderschau an der Offa geplant. Ausserdem gab es vor einigen Jahren eigens wegen Kokain eine Kampagne. «Es ist ein Thema, an dem wir wirklich dran sind und versuchen, noch besser zu sensibilisieren.» Doch auch die Stadträtin kann den Status Quo nicht schönreden und gibt zum Schluss unumwunden zu: «Ja, wir haben ein Kokain-Problem.»

Ob und wie sich der Kokainkonsum in der Stadt St.Gallen auf die Kriminalstatistik ausgewirkt hat, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Die Statistik der Kantonspolizei St.Gallen erscheint erst Ende März.

(saz)

veröffentlicht: 18. März 2022 18:19
aktualisiert: 18. März 2022 21:12