Sind die Rolling Stones ein alter Zopf?

Wer Tickets für die wirklich guten, grossen Festivals oder Konzerte will, muss früh aufstehen und Glück haben. Die Tickets sind meist innert Minuten ausverkauft. Nicht so bei den Rolling Stones - ein Bericht vom Start des Vorverkaufs.

«If you start me up - I'll never stop.» Mick Jaggers Stimme weckte mich heute morgen schon um 6 Uhr, dazu Gitarrenriffs von den wirklich Grossen an den Saiten: Keith Richards und Ronnie Wood. Mein frühes Aufstehen hatte einen Grund: Ich plante einer der Ersten zu sein, die ein Ticket für das Konzert im September der Rolling Stones im Zürcher Letzigrund ergattern.

Anstehen mit 50 anderen Fans war einmal

Rückblende: Bei ihrem letzten Konzert in der Schweiz im Jahr 2014 füllten die Stones das Stadion zwar auch nicht auf den ersten Schmiss, aber man musste früh raus, um ein Ticket zu bekommen. Damals stand ich schon um 6.30 Uhr in Winterthur am Schalter - zusammen mit etwa 50 anderen Fans. Ich war einer der ersten in der Schlange und einer der letzten, welcher noch Tickets bekommen hat. Der Rest ging leer aus. Man stand zusammen an, redete über vergangene Shows in Lausanne oder Dübendorf. Man versuchte, sich auszuhelfen, hielt sich Plätze frei und ging füreinander Kaffee holen. Am Ende des Morgens wurden einzelne Tickets noch unter den Fans verkauft. Das Anstehen verband und man traf sich am Konzerttag im Zug oder im Stadion wieder.

Der Ansturm bleibt aus - vorerst

Ich erwartete auch heute am St.Galler Bahnhof ähnliche Szenen. Auch vor anderen grossen Konzerten stand man Schlange, wie etwa bei AC/DC. Auch da entstanden Freundschaften beim Anstehen. Heute war alles anders: Um 6.45 Uhr war noch niemand da. Ich holte einen Kaffee und redete mit einigen Herren, die auf ihre Züge warten: «Was? Die alten Herren spielen immer noch? Und Sie stehen an dafür?» Man erinnerte sich auch am Schalter noch an vergangene Vorverkäufe: «Als ich hier vor elf Jahren angefangen habe, standen die Leute schon früh durch die ganze Schalterhalle Schlange, um Tickets zu bekommen», erinnert sich ein Angestellter. Heute sei ich erst der zweite, der danach fragt. Ich suche nach der ersten Person. Die steht draussen, raucht eine Zigi und schaut auf ihr Telefon. Die Frau ist etwas über 50-jährig, hat blonde Haare und ist etwas nervös: «Ich hoffe ich bekomme Tickets», für ihren Bruder, versichert sie mir. Es wurde 7.30 Uhr und es kamen noch einige Fans. Wir warteten zu viert darauf, dass der Vorverkauf losgeht. Wir erinnerten uns an das letzte Konzert vor drei Jahren, als der 70-jährige Mick Jagger die 50'000 Fans im Stadion fragte, ob die Schweiz den Fussball-WM-Final gegen England gewinne und alle lachten.

«Seht mich an, ich geh zu Mick Jagger!»

Ich bekam ein Zettelchen in die Hand gedrückt. Ich war der dritte, der an diesem Morgen Tickets kaufen durfte - Ziel erreicht. Es wurde 7.48 Uhr - ich langsam nervös. Die anderen drei Leute ebenso. Die Schalterhalle füllte sich langsam, doch niemanden schienen die Konzertkarten zu interessieren. «Werden wohl alle online bestellen», vermutete die Frau mit dem Zettel Nummer eins und blickte skeptisch in die Gesichter der Pendler. Der rote Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr machte seine letzten Runden und dann öffnete der Schalter - endlich! Die ersten Tickets wurden gedruckt, die ersten Noten gingen über den Tisch. Saftige 164.35 Franken für das günstigste Stehplatzticket. Nummer Eins bekam die Tickets für ihren Bruder, strahlte herzhaft als sie ihre vier Karten überreicht bekam: «Was soll's - dann kostet es halt etwas.» Man sah ihr die Freude ins Gesicht geschrieben. Es wirkte, als würde das Teenager-Mädchen in ihr rufen: «Seht mich an, ich geh zu Mick Jagger!»

«Will noch jemand zu den Rolling Stones? - Niemand?»

Ich bekam schliesslich meine Tickets völlig stressfrei. Der SBB-Schaltermann rief in die Halle: «Will noch irgendjemand zu den Rolling Stones?» Niemand. Keiner mehr da. Auch online schien der Run auf das Konzert der Rock-Opas auszubleiben. In allen Kategorien gibt es noch Tickets. Kritiker bezeichnen das Konzert und das Drumherum als eine überteuerte Kommerz-Schleuder. Am Ende werden die 50'000 Tickets aber wieder verkauft sein. Ich für meinen Teil freue mich einmal mehr auf ein grandioses Konzert und einen unvergesslichen Abend.

Beim Veranstalter ABC-Productions kennt man das Verschwinden der anstehenden Musik-Fans. André Béchir, CEO des Unternehmens und selber Rolling-Stones-Fan, ist sich sicher, dass das Konzert ausverkauft wird: «So ein Konzert ist vergleichbar mit einem Champions-League-Final - wenn das nicht ausverkauft wird, weiss ich auch nicht mehr.» Die Anfragen für Tickets seien morgens um 8 Uhr vor allem online enorm gewesen und werde die nächsten Tage konstant weitergehen. «Wer kann, soll sich dieses Konzert unbedingt ansehen gehen», sagt Béchir. Das Konzert sei geschichtsträchtig. Keith Richards begrüsste beim letzten Konzert passend die Zuschauer mit einem: «Hallo, schön seid Ihr gekommen, solange wir noch da sind...».

(rar)

So werben die Veranstalter für die Tour:

Raphael Rohner