«Ich wusste nicht, ob ich die nächsten Wochen überleben würde»

Traurig, überfordert und in Angst: Postnatale Depressionen treten bei rund 15 Prozent der Frauen auf. (Symbolbild)
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Angstattacken, Unsicherheit, Traurigkeit und das Gefühl von Überforderung: Rund 15 Prozent der Frauen erleiden nach der Geburt des Kindes eine postpartale Depression. Annika Redlich und Andrea Bozatta sind zwei Betroffene, die offen über ihre Erfahrungen sprechen.

«Ich hatte Gedanken, mir etwas anzutun.» Andrea Borzatta ist Präsidentin des Vereins «Postpartale Depression Schweiz». Sie hat zwei Söhne. Nach beiden Geburten erlitt die 41-Jährige eine postpartale Depression. «Die Gedanken waren komplett theoretisch. Ich dachte, wenn es einen Knopf gäbe, der mich verschwinden liesse, würde ich ihn drücken», sagt sie im «Gott und d'Welt»-Podcast.

Annika Redlich, Leiterin der Geschäftstelle des Vereins, erlitt eine postpartale Depression nach einer Fehlgeburt: «Als ich wieder arbeitete, hatte ich oft Angst, dass ich während einer Panikattacke aus dem Fenster springen würde. Da wusste ich, ich brauche einen sicheren Ort.»

«Rund 50 Prozent der betroffenen Frauen holen sich keine Hilfe»

Bei beiden Frauen war ein traumatisches Erlebnis der Auslöser der Depressionen. Andrea Borzatta hatte eine Schwangerschaftsvergiftung und ihr erster Sohn kam per Notkaiserschnitt zur Welt. Annika Redlich hatte nach dem ersten Kind eine Fehlgeburt und bekam nach der Geburt des zweiten Kindes Angst- und Panikattacken.

Beide Frauen wussten nicht, was mit ihnen los war, da sie von den Gynäkologen und Ärzten keine Diagnose erhielten. «Vielen Frauen erleben nach der Geburt den Babyblues. Dabei fühlen sie sich traurig, meiden soziale Kontakte und sind überfordert. Das ist normal. Es geht allen so. Gehen diese Gefühle aber zwei Wochen nach der Geburt nicht weg, sollte man sich professionelle Hilfe holen», sagt Andrea Borzatta. Nicht immer gebe es einen Auslöser für die Depressionen.

Andrea Borzatta (links) und Annika Redlich setzen sich im Verein Postpartale Depression Schweiz dafür ein, dass Frauen, denen es nach der Geburt schlecht geht, Hilfe bekommen.

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Die 41-jährige Mutter vermutet, dass rund 50 Prozent der betroffenen Frauen sich keine Hilfe holen. Auch sie selbst sträubte sich anfänglich davor, entschied sich dann aber für eine psychiatrische Behandlung und die Einnahme von Anti-Depressiva. «Ich hatte Angst, dass ich dadurch ein anderer Mensch werden würde. Schlussendlich hat es mir aber nur geholfen, wieder mich selbst zu werden.» Andrea Borzatta spürte, dass eine Behandlung ihre einzige Chance war: «Ich wusste nicht, wie ich die nächsten Wochen sonst überleben würde.»

«Mein Mann war mein Blitzableiter»

Auch Annika Redlich nahm Anti-Depressiva. Die Medikamente halfen der 38-Jährigen, mit den Angstattacken klar zu kommen. Die Mutter von zwei Kindern war ausserdem auf einer Mutter-Kind-Station: «Da konnte ich mich mit Müttern austauschen, denen es ähnlich ging.» Redlich hatte zuvor nur mit ihrem Mann über die Gefühle gesprochen.

«Mein Mann war mein Blitzableiter», sagt auch Andrea Borzatta. Sie habe viele ihrer Aggressionen an ihm ausgelassen. «Er hatte oft Angst um mich, wenn ich mich beispielsweise alleine im Badezimmer einschloss.» Er sei der Innenminister gewesen, der alles koordiniert habe. Die 41-Jährige macht darauf aufmerksam, dass es auch viele Männer gibt, die eine Depression nach der Geburt eines Kindes erleben. «Häufig tritt diese auf, wenn es den Frauen besser geht. Wir wünschen uns, dass auch Anlaufstellen für Männer entstehen.»

«Würde wieder Mami werden»

Heute geht es den beiden Frauen gut. Sie haben eine enge Bindung zu ihren Kindern und die Depressionen prägen nicht mehr ihr Leben. «Sie erinnern mich daran, was ich geschafft habe», sagt Borzatta. «Ein Kind ist so viel wert», sagt Redlich. «Es gibt mehr, als dass es nimmt. Ich würde wieder Mami werden.» Beide betonen, dass es nie zu spät ist, eine Bindung zum Kind aufzubauen.

«Was wir uns von der Gesellschaft wünschen, ist, dass die Menschen nicht immer nur das süsse, kleine Baby bewundern, sondern die Mütter und Väter fragen, wie es ihnen geht und die Eltern darauf eine ehrliche Antwort geben können», sagt Andrea Borzatta.

Ines Schaberger und Lara Abderhalden