Fast normale Weihnachten im Gefängnis

Die Tische sind schön gedeckt, ein Weihnachtsbaum steht in der Ecke und die Vorfreude ist gross. Weihnachten in der Strafanstalt Saxerriet unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von Weihnachten «draussen». Ein Besuch vor Ort.

Er wirkt etwas hilflos. Wie er da steht, inmitten mächtiger Gebäude, die Äste tapfer 'gen Himmel gereckt. Gefangen zwischen Bauten, die Gradlinigkeit, Zucht und Ordnung ausstrahlen. Die roten Kugeln und die elektrischen Lichter versuchen gegen das triste Grau anzukämpfen, haben jedoch einen schweren Stand. Der schön geschmückte Weihnachtsbaum im Innenhof erinnert zwar an Weihnachten, kann die Weihnachtsstimmung im Gefängnis jedoch noch nicht wirklich transportieren.

«Die Familie ist mitgefangen»

In der Kantine treffe ich mich mit Martin Vinzens, Direktor der Strafanstalt Saxerriet und mit Clemens (Name geändert), der seit zwei Jahren im Gefängnis ist. Wir setzen uns an einen der Holztische, welche im ganzen Raum mit roten Läufern ausgestattet sind. Ein festlicher Kontrast zu den alltäglichen Menagen mit Maggi, Salz und Pfeffer, die auf dem Läufer Platz gefunden haben.

Direktor Martin Vinzens vor dem Baum und hinter der Menage (Bild: FM1Today/Dario Cantieni)

Clemens und Vinzens erzählen von vergangenen Weihnachtsfesten. Erst letzten Montag ist das grosse, interne Fest über die Bühne gegangen. Gutes Essen, ein Chor, festliche Stimmung. Ganz «normal» halt. Wenn man jedoch sehe, wie bei der Familien-Weihnachtsfeier die Kinder nach ein paar Stunden von ihren Vätern Abschied nehmen müssen, sei das schon nicht einfach, sagt Vinzens. «In diesen Momenten denke ich, die Angehörigen sind wie mitgefangen. Der Mann ist bei uns in den bekannten Strukturen, aber die Familie hat niemanden der zu ihnen schaut.» So hätten die Angehörigen manchmal fast die schwierigere Situation.

Freiheit ist das grösste Geschenk

Beim Gespräch mit Clemens fallen mir seine wachen Augen auf. Er nimmt alles wahr und ist stets konzentriert. Es ist ihm bewusst, wieso er hier ist und er gibt sich seiner Situation hin. Sieht gar die positiven Seiten. Clemens sitzt im ganzen sechs Jahre wegen eines Wirtschaftsdeliktes. Diese Weihnachten sind jedoch etwas Spezielles, er darf nämlich einige Tage zu Hause bei seiner Familie verbringen. «Klar denkt man daran, danach nicht mehr zurückzukommen», gibt er zu. «Diese Gedanken haben wohl alle. Aber das lohnt sich nicht, du musst zwingend zurückgehen. Sonst wirst du doppelt bestraft.» Auf die Frage, ob er denn Geschenke heimbringe, meint er nur: «Das ist überhaupt kein Thema bei mir, das ist nicht das Wichtigste.» Das grösste Geschenk sei, für eine gewisse Zeit raus zu können. Auch wenn zurückkommen nie einfach sei.

Es ist ein Zurückkommen in die Tristesse des Gefängnisalltags. Selbst der Weichnachtsbaum, der einsam und tapfer gegen das Grau kämpft, wird bald wieder weg sein.

Die ganze Gott und d'Welt-Sendung zum Thema «Weihnachten im Gefängnis» gibt es hier:

«GuW 469 Weihnachten im Gefängnis Teil 1».
17. Juli 2019 - 14:24

«GuW 469 Weihnachten im Gefängnis Teil 1».

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«GuW 469 Weihnachten im Gefängnis Teil 2».
17. Juli 2019 - 14:24

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«GuW 469 Weihnachten im Gefängnis Teil 3».
17. Juli 2019 - 14:24

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Dario Cantieni
veröffentlicht: 23. Dezember 2018 07:32
aktualisiert: 23. Dezember 2018 07:32