«Eine gute Richterin hat Menschen gern»

Vor Gericht müssen jeweils nicht einfache Entscheide gefällt werden. (Symbolbild)
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Wahrheit, Lügen und Recht - damit beschäftigt sich Regula Widrig jeden Tag. Die 52-Jährige ist als Gerichtspräsidentin und Richterin am Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland tätig. Emotionen sind in ihrem Beruf fehl am Platz. Was zählt, sind Fakten und Beweise.

Richterin Regula Widrig ist von Berufes wegen immer auf der Suche nach der Wahrheit. Mit ihrer Arbeit leistet sie einen Dienst für die Gesellschaft. FM1-Pfarrerin Charlotte Küng hat sie erzählt, wie sie mit der grossen Verantwortung in ihrem Beruf umgeht. Denn durch einen Schuldspruch kann sich das Leben eines Menschen von Grund auf verändern.

Distanz zu Tätern und Opfern

Die 52-Jährige ist sich bewusst, dass ihre Gerichtsurteile Auswirkungen auf die Zukunft eines Menschen haben. «Ich fälle das Urteil», sagt sie. «Aber was der Mensch daraus macht, das ist meinem Einflussbereich entzogen.» Persönlich betroffen sei sie nie. Eine gesunde Distanz ist Regula Widrig sehr wichtig. «Spätestens, wenn ich daheim bin, habe ich mich weit genug abgegrenzt. Wenn man das nicht kann, ist man für diesen Beruf nicht geeignet.»

In ihrem Beruf gehe es nicht immer darum, jemanden zu verurteilen. Bei einem Scheidungsurteil zum Beispiel sei der Fokus vorrangig darauf gelegt, die bestmögliche Lösung zu suchen.

«Es ist eine rationale Geschichte: Man hat das Gesetz, das man anwenden muss, man hat einen Sachverhalt, den man darüber legt und dann sammelt man die Argumente und entscheidet schliesslich», sagt die Richterin. «Emotional sind diese Entscheide nie.» Obwohl sie oft mit Menschen zu tun hat, die gegen das Gesetz verstossen haben, sieht sie nicht das Schlechte im Menschen. «Eine gute Richterin hat die Menschen gern. Nur weil jemand einmal etwas gemacht hat, das nicht richtig ist, heisst das nicht, dass er von Grund auf ein schlechter Mensch ist.»

Objektivität schwer erkennbar

Man müsse sich bewusst sein, dass Recht sprechen und Richten nicht immer nur mit Gerechtigkeit zu tun haben, sondern dass es auch darum gehe, was bewiesen werden könne, sagt Widrig. «Ich überlege nicht, ob mich jemand anlügt oder nicht. Wenn es ums Beweisen geht, konzentrieren wir uns nach Möglichkeit auf die Akten. Was die Leute dann aussagen, ist nicht wesentlich.»

Regula Widrig. (schulewartau.ch)

Die 52-Jährige hat in ihrer langen Tätigkeit als Richterin schon viele Täter, Opfer und Zeugen befragt. Immer auf der Suche nach der Wahrheit. Aber gerade die Gespräche mit Menschen zeigen ihr immer wieder auf, dass es schwierig ist, die objektive Wahrheit zu erkennen. Auch eine Augenzeugin, die theatralisch und emotional ein Verbrechen beschreibt, müsse nicht unbedingt die Wahrheit erzählen.

Jeder hat eigene Brille

«Es ist nicht immer so, dass Menschen aktiv lügen. Und das würde ich auch nicht persönlich nehmen. Jeder will seine Haut so teuer wie möglich verkaufen.» Jeder sehe Vorkommnisse durch seine eigene Brille. Für die Urteilsfindung orientiert sie sich deshalb immer so gut wie möglich an Fakten.

Durch ihre Tätigkeit hat Regula Widrig jedenfalls viel für das Leben gelernt. Dinge, die nicht nur für Richter wichtig sind. «Man sollte sich keine vorschnelle Meinung bilden. Auch wenn man im Vorfeld etwas über eine Person gehört hat, muss das nicht stimmen. Ich habe gelernt, dass jeder Mensch die Welt individuell wahrnimmt.»

Aber es gäbe auch solche, die bewusst die Unwahrheit sprechen würden, und das über eine lange Zeitspanne. Dazu die Richterin: «Ich denke, dass es mitunter eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt, dass sich das Gute und das Schlechte im Leben irgendwo immer ausgleicht.»

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Claudia Amann
veröffentlicht: 6. November 2016 08:46
aktualisiert: 6. November 2016 08:46