Die modernen Heiligen

(Danny Lawson/pool photo via AP)
Es war eines der grössten Fernsehereignisse des Jahres: Die royale Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Millionen von Menschen haben das Ereignis live mitverfolgt. Doch warum sind wir so fasziniert von Menschen wie den Royals? Sind Promis die neuen modernen Heiligen?

Das Interesse an Prominenten ist gross, nicht nur eine royale Hochzeit fasziniert die Leute. Doch weshalb eigentlich?

«Prominente sind Vorbilder für uns. Ausserdem brauchen wir Traumbilder, wenn wir selbst keine eigenen Träume haben», sagt die Phychologin Brigitta Weiss. So sei es möglich, durch die Promis den Träumen nachzugehen. «Träume lenken vom Alltag ab», sagt Weiss. Sie findet ausserdem, dass Träumen wichtig sei.

Oft sehe man Adlige wie Prinz Harry in Hochglanzmagazinen und das, obwohl wir in einer Demokratie leben. «Gerade weil wir in einer Demokratie leben und solche Leute nicht um uns herum haben. Wir haben unsere Politiker, die halt weniger glamourös sind. Sie sehen oft bärbeissig, überarbeitet und grau aus», sagt Weiss.

Illusion vom besseren Leben

Es klinge böse, aber im Vergleich zu den Promis in Hochglanzmagazinen seien Politiker weniger attraktiv. Adlige und Stars gäben uns die Illussion eines besseren Lebens.

«Man meint, es ist alles viel interessanter und dass die Stars ihr Leben einfacher meistern können. Wir sehen aber nur den Schein dieser Traumwelt», sagt Weiss.

Und wenn die Promis mit Krisen und Skandalen Schlagzeilen machen, dann würden wir merken, sie hätten es auch nicht immer so gut. «Dann fühlen wir uns in unserer kleineren Welt vielleicht wieder sicherer», so Weiss.

Alte durch neue Vorbilder ersetzt

Trotzdem: Wir sehen zu Berühmtheiten auf, als wären sie moderne Heilige. Das sei so, weil sie viel Aufmerksamkeit geniessen.

Und für eine Gesellschaft, in der das Religiöse zur Privatsache geworden ist, überrascht es nicht, dass die alten Vorbilder durch neue ersetzt wurden - solche, die besser zu den Idealen von vielen Leuten passen. Erfoglreich sein, viel Geld haben, gut aussehen und beliebt sein, das sei heute wichtig.

Das fände man bei den alten Vorbildern den Heilige nicht. Dort gehe es darum, im Glauben Halt suchen, Nachteile in Kauf zu nehmen, für die eigene Überzeugung und zum Wohl anderer einzustehen. Das wirke nicht so attraktiv, sagt FM1 Pfarrerin Charlotte Küng.

Es gäbe aber auch Promis, die ihre Bekanntheit dazu nutzen, Gutes zu tun. «Das ist super und clever. Schade finde ich einfach, dass mir die Promis das Gefühl geben, dass man nur etwas bewirken kann, wenn man ganz viel Geld und Einfluss hat», sagt Küng.

Masslose Gesellschaft

Man dürfe aber nicht vergessen, oft ist es mehr Schein als Sein. Doch auch in unserer Gesellschaft geht es immer mehr um den Eindruck gegen Aussen.

«Man hat ein grosses Auto und neue Kleidung. Der Schein ist uns sehr wichtig», sagt Weiss. Doch wer sich immer nur mit Vorbildern beschäftigt, die mehr scheinen als sind, wird man schnell unglücklich. Ich finde diese Entwicklung ziemlich schwierig. Sie zeigt, wie masslos wir in unserer Gesellschaft oft sind und wie wenig wir zurückstecken können», so Weiss.

Zu wenig Selbstrespekt

Die eigene Unzufriedenheit, Mängel oder grosse Leere könnten überdeckt werden, indem wir mehr auf andere achten, als auf uns, so Weiss. «Denn bei sich selbst würde man vielleicht eher etwas entdecken, dass nicht gefällt und Mühe bereiten würde», sagt Weiss.

Wir hätten oftmals zu wenig Selbstachtung, Selbstliebe und Selbstresprekt. «Deshalb ist es leichter, jemanden anzuhimmeln oder zu verteufeln, als bei uns selbst hinzuschauen», sagt Weiss.

(red.)

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Stefanie Rohner
veröffentlicht: 20. Mai 2018 08:49
aktualisiert: 20. Mai 2018 08:49