«Können keine Kampfkünstler machen» – Selbstverteidigungskurse für Gesundheitspersonal boomen

Pflegende sind immer wieder Angriffen durch Patienten ausgesetzt. Daher gibt es mittlerweile schon extra Selbstverteidigungskurse für diese Berufe. (Symboldbild)
© Getty
Eine Pflegefachfrau der Klinik Littenheid wurde vergangene Woche von drei Patientinnen und Patienten angegriffen und ins Spital geprügelt. Angriffe auf Pflegende kommen immer wieder vor. Eine St.Galler Kampfschule bietet daher extra Selbstverteidigungskurse für diese Berufe an.

«Ich frage mich oft, was eigentlich in unserer Gesellschaft falsch läuft.» Gennaro Migliozzi, Leiter der Skema-Kampfkunstschule St.Gallen West und Wil, ist oft mit Gewalt konfrontiert. Seit 20 Jahren betreibt er Kampfsport. Als Leiter von Selbstverteidigungskursen bringt er anderen bei, wie sie Angriffen Herr werden und sich schützen können. Ein immer gefragteres Angebot, wie Migliozzi erzählt. Seine jüngste Beobachtung: Immer öfters ist Gesundheitspersonal Attacken ausgesetzt. «Das hören wir tagtäglich im Kontakt mit Klinken, Arztpraxen oder Spitälern.» Diese bestätigen gegenüber den Medien immer wieder seinen Eindruck.

So ist Migliozzi denn ab der Attacke auf eine Pflegefachfrau in der Klinik Littenheid – wenn auch bestürzt – nicht sonderlich überrascht.

Während der Nachtschicht haben drei jugendliche Patientinnen und Patienten im Alter von 14 bis 16 Jahren vergangene Woche eine Pflegefachfrau angegriffen. Die Pflegerin musste im Spital behandelt werden. Die Jugendlichen flohen aus der Klinik, konnten kurze Zeit später aber am Bahnhof St.Gallen von der Stadtpolizei St.Gallen festgenommen werden.

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«Die ersten Minuten sind entscheidend»

Es sind solche Vorfälle, die Migliozzi dazu bewegt haben, einen Selbstverteidigungskurs extra für Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten, zu konzipieren. Bisher hätten diesen etwa Arztpraxen, Kliniken, Altersheime oder Spitäler in Anspruch genommen. Oft gibt es an diesen Orten ein Notfallprogramm, um auf eine Attacke zu reagieren, etwa einen Notfallknopf, mittels welchem die Polizei alarmiert wird, oder Sicherheitspersonal.

Bis diese aber bei einem Ernstfall beim Angreifer eintreffen, können wertvolle Minuten verstreichen. Und auf diese Minuten kommt es an, wie Migliozzi erklärt. «Für Personen, die angegriffen werden, fühlen sich diese ersten Minuten an wie eine Ewigkeit. Sie verfallen oft in eine Schockstarre. Schliesslich stehen sie einem Patienten gegenüber, dem sie eigentlich helfen sollten – und werden plötzlich angegriffen.»

Gennaro Migliozzi, Leiter der Skema-Kampfschule in St.Gallen West und Wil.

© z.V.g

Gut zusprechen, im Notfall zuschlagen

Hier sollen die Kurse ansetzen. In einem ersten Schritt würden die Kursteilnehmenden lernen, eine mögliche Gefahrensituation frühzeitig zu erkennen und dann die Schockstarre zu durchbrechen. «Es geht dabei darum, vorauszudenken. Wenn man zum Beispiel mit einem renitenten Patienten in ein Behandlungszimmer geht, so sollte man diesen vorausgehen lassen und immer den Ausgang im Rücken haben. So kann man im Ernstfall flüchten.» In einem nächsten Schritt gehe es darum, eine Person, die gewalttätig werden könnte, zu beschäftigten und mit ihr zu sprechen, bis Hilfe eintrifft.

Kommt es tatsächlich zur Attacke, so würden die Kursteilnehmenden einige Schläge und Stösse lernen. Es geht auch hierbei darum, die Person auf Distanz zu halten. Ziel der Kurse sei denn auch klar, dass eine Gefahrensituation deeskaliert werden und sich die angegriffene Person schützen könne, bis Hilfe kommt. «Wir können die Pflegerinnen und Pfleger schliesslich nicht zu Kampfkunstkünstlern ausbilden.»

Spezielle Dynamik bei Pflegeberufen

Dies sei denn auch der wesentliche Unterschied zu normalen Selbstverteidigungskursen. «Wenn ich etwa auf der offenen Strasse angegriffen werde, so sollte ich zunächst zu flüchten versuchen. Klappt das nicht, so kann ich mich in der Notwehr mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren, um mich zu schützen. Wird eine pflegende Person angegriffen, so ist die Dynamik oft eine andere.» Angriffe finden meistens in Räumen statt. Und da eine Pflegerinn oder ein Pfleger der Person, die sie eigentlich betreuen oder ihr helfen sollte, nicht noch mehr Schaden zuführen sollte, gelte es bei der Verteidigung behutsamer vorzugehen. Dies mache die Situation denn aber auch komplizierter, sagt Migliozzi.

Er könne denn auch nicht beurteilen, ob der Angriff an der Klink Littenheid hätte anders ausgehen können. Dazu seien zu wenige Details bekannt.

Littenheider Personal erhält Schulungen

Auf Anfrage heisst es bei der Klinik in Littenheid, dass das Personal regelmässig Aggressionsmanagementkurse für den «Umgang mit herausfordernden Situationen» absolviere. Dabei handle es sich um einen fünftägigen Basiskurs und danach um regelmässige Refresher-Kurse. Unter anderem würden dabei auch Fertigkeiten und Trainings der körperlichen Interventionen geschult, wie zum Beispiel nonverbale Kommunikation und Körpersprache, Befreiungstechniken und Festhaltetechniken im Rahmen von bewegungseinschränkenden Massnahmen. «Oberstes Ziel ist aber immer, eine Situation zu deeskalieren und keine Gewaltspirale in Gang zu setzen», erklärt Mediensprecherin Claudia Baumer.

Die Klinik hat nach der Attacke vergangene Woche zudem Massnahmen ergriffen. So solle die Sicherheit während der Nachtschicht gesteigert werden. Als Sofortmassnahme wurde ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma aufgeboten, der zum Rechten schauen soll.

veröffentlicht: 8. November 2023 05:50
aktualisiert: 8. November 2023 08:14
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