«Ich erkenne jede Seilbahn an ihrem Klang»

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Quelle: PilatusToday

Der Luzerner Musikprofessor Michel Roth hat während rund eines Jahres die Klänge von Seilbahnen im Schächental mit einem Mikrofon aufgenommen. Nun ist das Projekt abgeschlossen und es entsteht eine Komposition – aber nicht nur das, auch die Technobranche ist an den Klängen interessiert.

«Schauen Sie da», beinahe hätte ich mit dem Auto eine Vollbremsung gemacht, in Erwartung ein Reh würde gleich unseren Weg kreuzen. Michel Roth aber deutet auf einen schwarzen Strich, der sich über eine hellgrüne Wiese zieht. «Das ist eine Seilbahn. Entschuldigen Sie, ich bringe das nicht mehr weg. Ich sehe sie überall.» Das Stahlseil führt vom Tal zu einem Hof am Hang. Eine Materialseilbahn, erklärt der Musikprofessor. «Im Schächental gibt es rund ein Dutzend Personenseilbahnen – Materialseilbahnen unzählige. Sehen Sie, da hat es zwei weitere.» Wie ich bald feststelle, bestehen Materialseilbahnen häufig aus nicht viel mehr als einem Seil und manchmal noch einer Holzkiste.

Wir schlängeln uns durch das Tal der Seilbahnen und halten vor einem kleinen Haus aus dessen Rückseite mehrere Drahtseile über den Schächenbach in die Höhe führen. Die Seilbahn Witerschwanden-Eggenbergli. Ein Selbstbedienungsladen. Mit einem Jeton, der bei Privatpersonen im Tal bezogen werden kann, wird die Bahn in Bewegung gesetzt.

Die Talstation der Seilbahn Witerschwanden-Eggenbergli im Schächental.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

«Was tun Sie hier?»

«Das ist so toll», schwärmt Michel Roth während wir uns in der Talstation umsehen. «Das widerspiegelt doch wunderschön die Bedeutung der Seilbahn für das tägliche Leben dieses Tals.» Der Musikprofessor deutet auf zwei Töffli in einer Ecke, auf ein paar Turnschuhe, die auf einem Holzbalken liegen, Regenschirme in einem Eimer: «Die Seilbahn ist für die Familien am Hang die einzige Möglichkeit, ins Tal zu kommen. Diese Talstation ist quasi ihre Garderobe – der Eingangsbereich ihres Hauses.»

Die Talstation der Seilbahn dient oft als eine Art Garderobe. Mit Schuhen auf den Balken.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Wir steigen geduckt in die Ufo-artige Bahn. Kaum ist die Türe geschlossen und ein Knopf gedrückt, ertönt ein Klingeln und das Gehänge setzt sich in Bewegung. Der Schächenbach ist ohrenbetäubend. «Was tun Sie hier?», fragt ein Bahngast, dessen Knie meine in der engen Kabine beinahe berühren. Seine Stimme übertönt den tosenden Bach und er nickt in Richtung dem kleinen schwarzen knopfartigen Ding, das in Michel Roths Händen ruht.

Schächental Michel Roth (15)
© PilatusToday/Lara Abderhalden

«Das ist ein Mikrofon, damit nehme ich die Vibrationen der Seilbahnen im Schächental auf und mache daraus eine Komposition. Ich bin Musikprofessor.» Davon habe er schon gehört, sagt der Gast und die beiden verfallen in ein Gespräch über verschiedene gut klingende Bahnen, Familien und alte Schächentaler Geschichten.

Dichtes Netz an Seilbahnen

Michel Roth ist zwar im Kanton Uri aufgewachsen und verbrachte in Altdorf die ersten neun Jahre seines Lebens – wohnt seither aber in Luzern. «Ich wusste nicht recht, wie die Einheimischen meine Arbeit aufnehmen werden», sagt der 45-Jährige später. Die Akzeptanz und das Interesse an Roths Arbeit seien aber immer sehr gross gewesen.

Die Fahrt mit der Bahn ist angenehm. Es ist etwas warm in der Kabine und holpert bei jedem Masten – die Aussicht auf die markanten Berge und die steil abfallenden beiden Schluchten ist aber beeindruckend. «Es hat fast keinen Platz für Häuser im Tal», stelle ich fest. Michel Roth nickt und mir wird bewusst, weshalb das Schächental das dichteste Netz an Seilbahnen hat und weshalb der Musikprofessor genau dieses für sein Projekt ausgewählt hat. «Es bietet viele Möglichkeiten für Aufnahmen», bestätigt der Musiker meine Gedanken.

Steil abfallende Wiesenhänge im Schächental. Die Häuser sind an den Hügeln verteilt.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Mit einem Ruck kommt die Bahn bei der Bergstation zum Stehen und mit leicht wackeligen Beinen verlasse ich das schaukelnde Ufo. Wir werden von einem lauten Rattern empfangen und ein Blick nach oben klärt auf: Der Lärm kommt von zwei Seilwinden, welche die Bahn bewegen. «Hier habe ich meine ersten Tonaufnahmen gemacht.» Michel Roth befestigt das magnetische Mikrofon an einem Metallpfeiler, nimmt Kopfhörer und ein Discman grosses Aufnahmegerät aus dem Rucksack und lauscht.

«Die Seile sind wie Instrumenten-Saiten»

Er nickt im Takt und reicht mir die Kopfhörer. «Hören Sie den Rhythmus?» Die Aufnahme ist leiser als erwartet, das laute Rattern der Seilwinde kaum zu hören, stattdessen eine gewisse Gleichmässigkeit. Ein Beat.

Michel Roth erklärt, dass das Mikrofon nicht die tatsächlichen Klänge aufnimmt, sondern die Vibrationen. «Man muss sich das wie ein grosses Musikinstrument vorstellen. Die Drahtseile sind wie Saiten. Statt das ein Bogen darüber streicht, versetzt die Natur die Drahtseile in Schwingungen, wenn beispielsweise ein Vogel sich draufsetzt, eine Bahn bewegt wird oder der Wind die Seile schwingen lässt.» Diese Vibrationen werden durch das Mikrofon hörbar gemacht und anschliessend aufgenommen. Aufgrund der stets ändernden Wetterverhältnisse oder des Einflusses der Menschen oder Tiere variiere die Höhe und Intensität dieser Klänge stark.

Während rund eines Jahres hat Michel Roth zusammen mit einem Historiker und einem Kulturwissenschaftler dutzende von Seilbahnen stundenlang aufgezeichnet. Ende August hatten sie die Aufnahmen im Kasten. Mit dem Projekt wollen die Forschenden einerseits aufzeigen, wie Seilbahnen klingen, andererseits aber auch welche Bedeutung sie für das Schächental und deren Bevölkerung haben. «Auf die Seilbahnen bin ich gekommen, weil sie in der Region stark verbreitet sind und jede Seilbahn einzigartig ist. Eine eigene Geschichte hat. Nach einem Jahr mit den Seilbahnen würde ich sagen, ich kann jede an ihrem Klang erkennen.»

Michel Roth erkennt die Seilbahnen an ihren Klängen. Im Bild: Das magnetische Mikrofon.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Aus Klängen werden Technobeats

Wir haben das kleine Magnetteil mittlerweile an einem Masten einer Materialseilbahn angebracht, die selten genutzt wird. Aufgrund ihrer Länge und den stark durchhängenden Seilen ist der Technobeat hier aber noch stärker als bei der ersten Bahn. «Ich habe Anfragen aus der Technobranche erhalten, die die Aufnahmen für einen Technobeat brauchen wollen», sagt Michel Roth. Für ihn eine Ehre: Er findet das wahnsinnig toll und freut sich auf das Resultat. «Die Klänge eignen sich sehr gut für Techno.»

Allgemein ist der 45-Jährige begeistert vom Echo, das er für seine Arbeit erhält: «Es ist so schön, plötzlich auf breiteres Interesse zu stossen.» Er habe schon komplizierte Opern geschrieben, zahlreiche Kompositionen für Orchester gemacht – diese hätten dann aber eben nur eine Nischengruppe interessiert.

Aus den Aufnahmen entstehen Kompositionen.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Auch aus diesem Projekt wird es eine Komposition geben, die Michel Roth in einer Radiosendung im hessischen Rundfunk Ende Jahr präsentieren wird. «Wie ich die Komposition mache, weiss ich noch nicht genau. Ich werde in meinem Studio die stundenlangen Aufnahmen durchhören, Töne übereinanderlegen, ein bisschen wie ein DJ.» Viele Klänge würden aber keine Bearbeitung brauchen und können so bleiben wie sie sind. Nebst der Komposition wird die Geschichte und Bedeutung der Seilbahnen im Schächental in einer Publikation festgehalten.

Die grüne Seilbahn hat uns mittlerweile wieder heil ins Tal gebracht, das bereits früh im Schatten liegt. Dieses Mal sind wir bei einem der vielen Masten eingestiegen. Fast jeder Hof hat seine eigene «Haltestelle». Wir ziehen beim Aussteigen den Kopf ein, schweigen, bis der Schächenbach ausser Hörweite ist. Und auf der Heimfahrt, während wir uns durch das Schächental schlängeln, bin plötzlich ich es, die die ganz viele schwarze Striche in den Wiesen entdeckt. «Schauen Sie – da ist eine Seilbahn und dort noch eine.»

veröffentlicht: 19. September 2021 10:53
aktualisiert: 21. September 2021 07:54