«Jeder weiss, dass Angriffe gegen den Schiedsrichter Tabu sind»

Die Stimmung bei Junioren-Spielen wird gemäss dem Innerschweizerischen Fussballverband immer aggressiver. (Symbolbild)
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Nachdem bei einem Juniorenspiel zwischen dem SC Emmen und SC Goldau der Schiedsrichter angegriffen wurde, äussern sich der Innerschweizer Fussball- und Schiedsrichterverband zum Thema Gewalt im Fussball. Solche Angriffe seien zwar selten, müssen aber mit aller Härte bestraft werden.

2013: Ein Familienmitglied hält den Schiedsrichter fest, ein Spieler tritt mit voller Wucht gegen den Unparteiischen.

2013: Nach einem Freundschaftsspiel schlägt ein Junior einem Schiedsrichter ins Gesicht, dieser geht bewusstlos zu Boden.

2014: Ein Spieler schiesst dem Schiedsrichter den Ball absichtlich aus kurzer Entfernung ins Gesicht.

2018: Der Präsident und Vize-Präsident eines Fussballclubs gehen nach dem Spiel in die Garderobe zum Schiedsrichter, beleidigen diesen und schlagen auf ihn ein.

Und 2021: Zwei Spieler der A-Junioren des SC Goldau greifen den Schiedsrichter nach einem Spiel gegen den SC Emmen tätlich und verbal an.

Das sind nur ein paar der Vorfälle, die es in der Schweiz im Amateurfussball in den vergangenen Jahren gab. Solche schwerwiegende Fälle sind zwar eine Seltenheit, kommen in der ganzen Schweiz aber jährlich bis zu einem halben Dutzend Mal vor. Das geht aus einer Statistik der Kontroll- und Disziplinarkommission (KDK) hervor, dem erstinstanzlichen Rechtspflegeorgan des Schweizerischen Fussballverbands. Sie beurteilt Fälle von Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter und Schiedsrichterassistenten in den Amateurligen.

Spielsperre von 50 Jahren

Die Zahl aller Fälle, in denen es Disziplinarstrafen aufgrund von Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter oder Assistenten gibt, bewegt sich seit zehn Jahren um die 30 Vorfälle pro Jahr. Dabei ist keine spezielle Zunahme oder Abnahme erkennbar. Auffallend ist hingegen, dass es in den oberen Ligen (1. Liga und 2. Liga int.) und in den Futsal-Profiligen in den vergangenen Jahren kaum Beleidigungen oder Angriffe gegen Schiedsrichter gab.

Grundsätzlich wird zwischen eher leichteren, schweren und schwersten Verstössen unterschieden (siehe Box unten). Für die schwersten Verstösse gibt es Spielsperren von mehr als drei Jahren. Im Fall des oben erwähnten Spielers, der den Schiedsrichter aus nächster Nähe mit dem Ball abschoss, gab es eine Spielsperre von 50 Jahren.

Die Spieler des SC Goldau erhielten Spielsperren bis im März respektive Mai 2023. «Ein solches Verhalten dulden wir überhaupt nicht», sagt Urs Dickerhof, Präsident des Innerschweizerischen Fussballverbands auf Anfrage von PilatusToday und Tele 1. «Wir haben beim Fussballverband beantragt, die Spieler so lang sperren zu dürfen.» Dem wurde ohne Widerstand stattgegeben.

«Erziehung über Strafpunkte»

Die harten Strafen sollen die Trainer und Clubverantwortlichen sensibilisieren: «Solche Sperren haben weitreichende Folgen. Sie sind mit Strafpunkten verbunden und Mannschaften mit vielen Strafpunkten haben kaum die Möglichkeit, aufzusteigen.» Ausserdem rücken sie in der Rangliste der Fairplay-Trophy der Suva weit nach hinten und riskieren dadurch, keine finanzielle Unterstützung zu erhalten. «Wer fair spielt, erhält mehr Geld. Die harten Strafen sollen demnach eine Motivation für die Trainer sein, faire Taktiken zu wählen.» Gemäss Dickerhof ist das eine «Erziehung über Strafpunkte».

Im Innerschweizer Fussballgeschehen seien Angriffe von Spielerinnen und Spielern gegenüber Schiedsrichtern selten. «In zwei Jahren gibt es vielleicht einen Fall, in dem eine hohe Strafe wie im Fall Goldau ausgesprochen wird», sagt Dickerhof, «und wir haben pro Jahr rund 20'000 Spiele alleine in der Innerschweiz.»

Keine Bestrafung von Eltern möglich

Der Präsident des Innerschweizerischen Schiedsrichterverbands Joe Haslimann war in seinen 40 Jahren als Schiedsrichter noch nie mit physischer Gewalt konfrontiert, aber: «Die verbalen Aggressionen haben zugenommen, vor allem von Seiten der Eltern. Oft fehlt es an Respekt.» Eltern seien manchmal sehr emotional, sagt Haslimann. Damit Eltern die nötige Distanz wahren, wurde im Kinderfussball ein gewisser Abstand zum Fusballfeld festgelegt, den die Angehörigen und Bekannten einhalten müssen. In der Innerschweiz müssen Eltern bei Juniorenspielen drei Meter Abstand zum Spielfeld wahren – in Zürich sind es fünf Meter. «Das hilft», sagt Haslimann.

«Es fällt auf, dass vermehrt zuschauende Familienangehörige ins Geschehen eingreifen und sich an Rangeleien und Tätlichkeiten an den Spielleitern beteiligten», schreibt auch die Kontroll- und Disziplinarkomission in ihrem Bericht. Der Fussballverband könne dagegen nichts unternehmen: «Der Schweizerische Fussballverband hat gegenüber diesen Personen keine Disziplinargewalt, deshalb können sie nicht durch den Verband bestraft werden.»

SC Goldau entschuldigt sich

Alles, was in diesem Fall helfe, seien Gespräche, sagt Urs Dickerhof, der Präsident des Innerschweizerischen Fussballverbands. «Es ist wichtig, dass die Vereine die Eltern mit einbeziehen, den Prozess eines Spiels mit ihnen durchgehen und an Risikospielen wie Derbys ihre Aufsichtspflicht wahrnehmen.»

Der SC Goldau schloss die vergangene Saison unter anderem aufgrund der hohen Anzahl an Strafpunkten auf dem zweitletzten Platz ab. Durch den Vorfall im Spiel im September bekam der SC Goldau 343 der 356 Strafpunkte, die Ende Saison resultierten. Zum Vergleich: Obwalden hatte mit 13 Strafpunkten am zweitmeisten. Der SC Goldau verurteilt die unschönen Szenen und bedauert den Vorfall. In einer Stellungnahme schreibt der Verein zudem:

Im anderen, Anfangs erwähnten, Fall des Spielers, der auf den festgehaltenen Schiedsrichter eintrat oder des Spielers, der einen Schiedsrichter bewusstlos schlug, wurden Spielsperren von mehr als drei Jahren verhängt. Der Vize-Präsident, der auf einen Schiedsrichter einschlug, wurde mit 24 Monaten Boykott (Ausschluss aus Wettkämpfen) und einer hohen Strafe geahndet.

veröffentlicht: 26. Januar 2022 15:46
aktualisiert: 26. Januar 2022 17:46