Vom Stäbchen statt vom Stier: Wie Bauern ihre Kühe auswählen

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Quelle: PilatusToday / David Migliazza

In der Schweiz werden mittlerweile 6 von 7 Kühen künstlich besamt. Die Samen dazu werden aus einem Katalog ausgewählt. Die Tatsache, dass die meisten Kühe nicht natürlich von einem Stier bestiegen werden, hat unsere Redaktorin Lara Abderhalden überrascht. Warum ist das so und ist das nicht ein Einschnitt in die Natur? Ein Luzerner Bauer erklärt.

«Schau, da haben wir eine brünstige Kuh», sagt Ruedi Stofer und deutet auf ein schwarz-weiss geflecktes Tier, das gerade von einer anderen Kuh beschnuppert wird. «Die beobachte ich jetzt genau», sagt der Bauer. Er betreibt in Wilihof in der Gemeinde Triengen den Badhof.

Ruedi Stofer auf seinem Bauernhof in Wilihof in der Gemeinde Triengen.

© Pilatustoday/Lara Abderhalden

Ist eine Kuh brünstig, ist sie paarungsbereit und kann besamt werden. In diesem Fall kommt Ruedi Stofer zum Einsatz. In einem Stickstoffbehälter in einem kleinen Raum seines Stalls bewahrt er die Zukunft des Hofes auf: Samen in farbigen kleinen Bechern. Sie alle sind bereits gewissen Kühen zugeteilt. Denn die Kuhproduktion ist auf vielen Höfen kein Zufall, sondern sorgfältige Planung.

So wird die Wunschkuh ausgewählt

Ruedi Stofer schlägt die ersten Seiten des «TORO Spezial» auf – dem Samen-Katalog von Swissgenetics, dem Produzenten und Vermarkter von Rindersperma in Zollikofen. Von dieser Firma beziehen der Luzerner und die meisten Bauern in der Schweiz die Samen. Bilder von Kühen sind zu sehen, darunter lange Listen mit Merkmalen, verschiedenen Zahlen und Abbildungen.

Ruedi Stofer erklärt: «Hier sind die Merkmale der Stiere aufgelistet, dessen Samen Swissgenetics verkauft. Ausserdem steht beispielsweise, wie viele Töchter ein Stier schon gezeugt hat und was deren Eigenschaften sind.» Daraus lasse sich herleiten, welche Kuh es durch den Samen gibt. «Es gibt zum Beispiel Samen, die hornlose Kühe begünstigen.»

Ausschnitt aus dem «TORO Spezial»: Die Rasse Holstein Red wird von Ruedi Stofer gezüchtet. Dazu sind verschiedene Merkmale festgehalten.

© Swissgenetics/TORO Spezial

Ruedi Stofer hat die Rasse Holstein und Red Holstein. «Ich wähle die Kühe nach funktionellen Merkmalen aus und lege dabei das Hauptaugenmerk auf die Milchproduktion.» Deshalb sind Angaben zum Milchfluss, zum Euter oder zur Nutzungsdauer besonders wichtig für ihn.

«Ausserdem gibt es gesexte und ungesexte Samen.» Verwundert mustere ich Ruedi Stofer, der erklärt: «Gesexte Samen werden geteilt in weiblich und männlich. Somit kann das Geschlecht bei gesexten Samen zu 90 Prozent vorausbestimmt werden.» Diese Samen seien teurer als andere.

Gesexte Samen werden hauptsächlich eingesetzt, wenn ein Bauer ein weibliches Kalb will. Dieses dient ihm nicht nur für die Milchproduktion, sondern auch um später weitere Kühe zu bekommen. Bauernhöfe, die weniger auf die Milchproduktion setzen, sondern eher auf Mastvieh, kaufen normalerweise die günstigeren, ungesexten Samen. «In der Zucht ist ein Weiblein mehr wert. Für ein männliches Mastkalb bekommt man beim Verkauf allerdings mehr Geld als für ein Milchkalb.» Mastkälber dienen der Fleischproduktion.

Nicht jeder Samen führt zum Erfolg

Der Bauer führt mich weiter nach hinten in den Stall – zu einem schwerwirkenden, grauen, verschlossenen Behälter. Er dreht den blauen Deckel, ein wenig Rauch entweicht und mehrere farbige Stäbchen kommen zum Vorschein: «Das sind die Samendosen.» In der Stickstofflösung sind gefrorenen Dosen mehrere Jahre haltbar.

In diesem Stickstoffbehälter werden die Samendosen bis zu fünf Jahre aufbewahrt.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Es ist eher selten, dass die Bauern selbst besamen. «Mich hat das interessiert, so bin ich immer schnell genug. Auch war es eine Kostenfrage», sagt Stofer. Auf anderen Höfen ist im Fall einer brünstigen Kuh meist ein Besamer von Swissgenetics vor Ort. «Normalerweise kommen die Besamer innerhalb eines halben Tages. Wenn ein Bauer am Morgen anruft, kann schon am Nachmittag besamt werden.»

In diesem farbigen Röhrchen ist die Samendosis.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Mittels eines Röhrchens wird die Samendosis durch den Muttermund in die Kuh eingeführt. Wie bei den Menschen führt aber auch bei den Kühen nicht jede Besamung zum Erfolg. Ungefähr jede vierte bis fünfte Kuh muss gemäss Swissgenetics ein zweites oder drittes Mal besamt werden.

Mit diesem Stab wird die Samendosis hinter dem Muttermund platziert. Dort kommt es im besten Fall zur Befruchtung.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Gibt es moralische Bedenken?

Ich mustere Ruedi Stofer von der Seite und frage: «Vermissen es die Kühe nicht, von einem Stier bestiegen zu werden?» Der Bauer lacht. Darüber hätte er sich noch keine Gedanken gemacht, aber: «Nein, wohl eher nicht.» Ob er denn keine moralischen Bedenken habe, möchte ich noch von ihm wissen. Denn es sei ja doch ein Eingriff in die Natur, was hier geschieht.

«Gesexte Samendosen sind ein Eingriff in die Natur, da sie geteilt werden. Und Biobetriebe dürfen das auch nicht machen. Moralische Bedenken habe ich keine, da die Natur immer noch da und stärker ist als die Technik.» Nicht jede Befruchtung klappe, und durch die Besamung könne viel Leid verhindert werden: «Wenn wir die Tiere nicht weiterzüchten, gibt es sie vielleicht bald nicht mehr oder sie haben mehr Krankheiten.»

Ruedi Stofer hat bezüglich der künstlichen Besamung keine moralischen Bedenken.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Ruedi Stofer hat schon immer künstlich besamt. Zurück zur natürlichen Besamung durch einen Stier, dem sogenannten Natursprung, würde er nicht gehen: «Nur schon für die Kinder, meine Frau und die Lehrlinge stellt ein Stier auf dem Hof eine zusätzliche Gefahr dar.»

Wie die Spermien von Stieren gewonnen und welche Kriterien dabei beachtet werden, erfährst du im Interview mit Swissgenetics. Dieses erscheint am Sonntag.

veröffentlicht: 26. März 2022 08:49
aktualisiert: 26. März 2022 08:49