«Viele Gläubige sind auch Atheisten»

Immer mehr Menschen in der Schweiz bekennen sich zum Atheismus.
Immer mehr Menschen in der Schweiz bekennen sich zum Atheismus.© (Bild: iStock)
Es gibt viele verschiedene Religionen. Und es gibt die Atheisten, die eine Existenz Gottes verneinen. Einer von ihnen ist der 26-jährige Sandro Bucher. Im Gespräch mit FM1-Pfarrerin Charlotte Küng diskutiert er über den Tod, Elend auf der Welt und was er an den Gläubigen bewundert.

«Ich habe als 13- oder 14-Jähriger gemerkt, dass man Fakten ausblenden muss, um gläubig zu sein», sagt Sandro Bucher. Seither ist er bekennender Atheist. «Um gläubig zu sein, muss man von einer Tatsache überzeugt sein, die erkenntnistheoretisch nicht belegt werden kann.» Das sei jedoch das Gegenteil seiner Weltanschauung, sagt der 26-Jährige.

Im Gespräch trifft er auf FM1-Pfarrerin Charlotte Küng. Sie ist gläubig – quasi von Berufes wegen. Küng glaubt aber nicht, dass man jemand zum Glaube bekehren kann. «Der Glaube ist ein Geschenk. Ich kenne viele Menschen, die sich durch ihn Sinn, Orientierung und inneren Frieden erhoffen, aber einfach nicht fähig sind, ihre Skepsis zu überwinden.»

FM1-Pfarrerin Charlotte Küng. (Bild: zVg)

Für Bucher ist der Atheismus nichts Besonderes: «Die meisten Gläubigen sind auch Atheisten, im Sinne davon, dass sie 99,9 Prozent der anderen Göttervorstellungen ablehnen.»

Was kommt nach dem Tod?

Ein wichtiges Thema im Glauben sei der Umgang mit dem Tod. Auch Bucher hat sich dazu Gedanken gemacht: «Ich glaube die Vorstellung, dass das Leben endlich ist und es nach dem Tod nicht weitergeht, ist hilfreich. So schätze ich jede Stunde und jeden Tag mehr, den ich hier verbringen darf.» Die Pfarrerin, die bei Beerdigungen oft mit dem Tod konfrontiert wird, sieht den Tod als wohlverdiente Erholung, weil der Einsatz für Menschlichkeit und Gerechtigkeit viel Kraft braucht. «Danach kommt ein neues Leben bei Gott. Das gibt es aber nicht, weil ich ein guter Mensch war, sondern weil Gott mich liebt.»

Atheist Sandro Bucher (Bild: PD/Raphael Hünerfauth)

So gegensätzlich die beiden auch sind: Bei einem Thema sind sie sich einig. Das Elend auf der Welt macht betroffen. Doch die Lösungsansätze sind unterschiedlich. «Ich versuche, nicht zum Zyniker zu werden. Es gibt viele Möglichkeiten, um unsere Lebensverhältnisse zu verbessern und diese werden auch genutzt. So gibt es weniger Kriege, weniger Armut und weniger Kindersterblichkeit als früher», sagt Atheist Bucher. Für Pfarrerin Küng ist klar: «Es gehört zur christlichen Grundüberzeugung, dass jeder Mensch den Auftrag hat, die Welt ein bisschen besser zu machen.»

Kraft aus Glaube schöpfen

Obwohl Bucher als Atheist lebt, gibt es durchaus Dinge, die er an den Gläubigen bewundert. «An gläubigen Menschen fasziniert mich, wie viel Kraft und Motivation sie aus ihrer Überzeugung schöpfen können», betont Bucher und erwähnt die Jugend-Vorsynode im Vatikan, die er besucht hat. «Dort habe ich gemerkt, dass sich Gläubige in meinem Alter rund um den Globus unheimlich für Gemeinschaften einsetzen und versuchen, die Welt besser zu hinterlassen.»

Und auch die Pfarrerin sieht positives an den Atheisten. «Die atheistische Perspektive bringt mich dazu zu überlegen, warum mir mein Glaube so wichtig ist. Ein Gespräch auf Augenhöhe schützt mich davor, meine Weltanschauung als absolut und einzig richtig darzustellen.»

Sandro Bucher war Gast in der FM1-Sendung Gott und d’Wält. Hier kann man sie nachhören: