Das war der spektakulärste Zugüberfall der Schweiz

25 Jahre ist es her, seit dreiste Diebe einen Intercity-Zug von St.Gallen nach Genf um insgesamt 26 Wertsäcke der Post erleichterten. Vorbild für die Räuber war ein ebenso legendärer Raub in England.

Es geschah vor genau 25 Jahren, als die Post noch PTT hiess und Charles Clerc die Tagesschau moderierte. Damals, am 11. Dezember 1996, verliess abends ein Intercity-Zug den Bahnhof St.Gallen. Das Ziel: Genf.

Profis am Werk

Mit an Bord waren nicht nur Pendler und Freizeitreisende, sondern auch ein Post-Waggon inklusive eines Postbeamten. Dieser sollte das Ziel von den insgesamt fünf Posträubern werden.

Es war 23.30 Uhr und der Intercity-Zug 744 befand sich zwischen Puidoux und Grandvaux im Kanton Waadt. Zwei maskierte, bewaffnete Männer verschafften sich Zutritt zum Führerstand und zwangen den Lokführer, an einer bestimmten Stelle am Ausgang eines Tunnels mitten in den Weinbergen anzuhalten.

Dort drangen weitere drei Komplizen in den Postwagen ein, fesselten den unbewaffneten Postangestellten mit Handschellen und warfen 26 Postsäcke mit Wertsendungen von mehreren hunderttausend Franken – manche Medien sprachen von «Millionen» – auf die darunterliegende Strasse, luden sie in Autos und machten sich aus dem Staub. Der Überfall dauerte nur gerade fünf Minuten, Verletzte gab es keine. Bis heute ist der Zugüberfall ungeklärt.

Post massiver Kritik ausgesetzt

«Sie trugen schwarze Kleider, waren maskiert und bewaffnet», sagte damals Maurice Gheri, Mediensprecher der Kantonspolizei Waadt, gegenüber der «Tagesschau». Dass lediglich ein Postangestellter vor Ort war, wurde kritisiert. «Wir haben diverse Sicherheitsmassnahmen plus einen Beamten im Zug. Der ist aber für die Sortierung zuständig, nicht um Wache zu stehen», gab Claude Gisiger, damaliger Mediensprecher der Post, zu.

«Wir müssen davon ausgehen, dass ein professionelles und minutiös geplantes Vorgehen vonstatten ging», sagte damals Hanspeter Hadorn, Chef Sicherheit der SBB, zu Charles Clerc in der «Tagesschau». Alleine zwischen 1988 und 1996 kam es zu fünf Überfällen auf Post-Waggons. Hadorn wehrt sich unter anderem gegen Clercs Vorwurf, die PTT sei zu wenig sicher. «Das kann man sicher nicht so formulieren. Wir haben in der Vergangenheit ähnliche Fälle gehabt. Aber jetzt ist eine neue Dimension vorliegend. Das Kidnapping ist in dieser Form neu und wir werden entsprechend Sicherheitsmassnahmen prüfen und auch umsetzen.»

Das grosse Vorbild England

«Das selbe Muster wie damals: Brücke, Säcke, Autos, weg waren sie», sagte ein Zugpassagier damals zur «Tagesschau». Der Postraub vom 11. Dezember 1996 gleicht seitens Planung und Ausführung einem weiteren, legendären Raub bis aufs Haar. «The Great Train Robbery» von und mit Ronald Biggs, unter anderem mit Buster Edwards und Bruce Reynolds, war wohl einer aufsichtserregenden Kriminalfälle in der Geschichte Englands. Beim minutiös geplanten Raub auf einen Postzug der britischen Royal Mail klaute die Bande über zweieinhalb Millionen Pfund. Nach heutigem Wert entspricht das etwa 65 Millionen Euro.

Die Ähnlichkeit zu «The Great Train Robbery» aus dem Jahre 1963 ist frappant.

© Keystone

Im Gegensatz zum Schweizer Pendant wurde die Räuberbande im bis dahin längsten Prozess der britischen Justizgeschichte zu meist drakonischen Strafen von über 30 Jahren Haft verurteilt. Einem Teil der Männer gelang allerdings später die – nicht minder legendäre – Flucht. So floh Ronny Biggs über Paris nach Australien und weiter nach Rio de Janeiro. Als Verbrecher war Biggs allerdings mittellos und fing darum an, seine Popularität zu vermarkten. Er verkaufte Fan-Utensilien und man durfte zum Beispiel für 60 Dollar mit ihm frühstücken.

1978 wurde er kurz Teil der Punkband «The Sex Pistols». Nach mehreren Schlaganfällen kehrte Biggs zurück ins Vereinigte Königreich und wurde erneut inhaftiert. 2009 wurde er aufgrund seiner schlechten Gesundheit wieder freigelassen. Er starb am 18. Dezember 2013.

veröffentlicht: 11. Dezember 2021 15:38
aktualisiert: 11. Dezember 2021 15:38