Booster, Triage und Omikron – das Wichtigste zur aktuellen Lage

Experten des Bundes raten zu einer Auffrischungsimpfung. (Symbolbild)
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Die Spitäler stossen an ihre Kapazitätsgrenzen, die Verschärfungen wirken verzögert, doch die Boosterimpfung schützt – das sagen die Fachexperten des Bundes zur aktuellen Coronasituation. Die wichtigsten Fragen und Antworten gibt es hier.

«Die epidemiologische Lage in der Schweiz verschlechtert sich», sagt Virgine Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle des Bundesamst für Gesundheit (BAG), während der Medienkonferenz am Dienstagnachmittag. Mit fast 10'000 Coronafällen pro Tag sei die Schweiz mittlerweile auf der gleichen Höhe wie bei der zweiten Welle vor einem Jahr.

Nützen denn die Massnahmen, die der Bundesrat am Freitag beschlossen hat, überhaupt nichts?

Gemäss Urs Karrer, Vizepräsident der Nationalen COVID-19 Science Task Force, zeigt sich eine Wirkung der Massnahmenverschärfungen erst gegen Jahresende. In rund zehn Tagen sei die Wirkung der Massnahmen bei den Fallzahlen erkennbar, in rund zwei Wochen bei den Hospitalisationen. Deshalb seien die Fallzahlen derzeit weiterhin steigend.

Halten die Spitäler so lange durch?

Derzeit seien in der ganzen Schweiz noch genügend Intensivbetten vorhanden, einzelne Kantone stossen aber an ihre Kapazitätsgrenzen. Dazu sagt Urs Karrer: «Dass die Spitäler noch nicht kollabiert sind, verdanken wir dem Spitalpersonal und den Impfungen.» Ausserdem sei der Anteil an Coronafällen besonders bei Kindern und Jugendlichen, die meist keine schweren Verläufe haben und nicht in die Spitäler müssen, aktuell hoch.

Werden bereits nicht-dringende Operationen verschoben?

Einzelne Institutionen haben bereits Operationen verschoben. Aktuell seien rund 260 Intensivbetten belegt – bei 300 belegten Intensivbetten müssten flächendeckend Operationen verschoben werden, sagt Urs Karrer von der nationalen Covid-Task-Force. Dies könnte noch im Dezember der Fall sein. Bei schweizweit mehr als 400 Corona-Patienten auf der IPS brauche es eine Triage, gewohnte Behandlungsstandards könnten nicht mehr eingehalten werden.

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Quelle: CH Media Video Unit / Silja Hänggi

Wie hoch ist der Anteil der Covid-Patienten in den Spitälern?

Die Ostschweiz hat mit über 50 Prozent den höchsten Anteil an Covid-Patienten auf Intensivstationen. Grundsätzlich liege dieser Wert um die 30 bis 40 Prozent. Es gibt derzeit gemäss Urs Karrer zwei grössere Gruppen, die auf Intensivstationen liegen: Die Nicht-Geimpften und ältere Personen um die 90 Jahre, deren zweite Impfung länger als ein halbes Jahr zurück liegt.

Wem empfehlen die Experten des Bundes eine Auffrischungsimpfung?

Es sei wichtig, dass die älteren Personen zuerst einen Booster erhalten, da dort der Impfschutz früher nachlasse, sagt Virgine Masserey vom BAG. Auch beim Pflegepersonal sei eine Auffrischungsimpfung wichtig. Urs Karrer wünscht sich, dass pro Tag ein Prozent der Bevölkerung eine dritte Impfung erhält. «Die positiven Auswirkungen bei den Spitälern wäre erheblich.» Die Delta-Variante müsse gebrochen und die Immunität in der Bevölkerung gesteigert werden.

Wirkt die Impfung auch bei der neuen Omikron-Variante?

Darüber sei noch wenig bekannt. «Wir gehen davon aus, dass eine Impfung weniger wirksam ist bei dieser Variante», sagt Masserey.

Soll man mit der dritten Impfung warten, bis es eine Impfung gibt, die gegen Omikron schützt?

«Nein», sagen Virgine Masserey vom BAG und Rudolf Hauri, Zuger Kantonsarzt, einstimmig. Gemäss Masserey wisse die Wissenschaft zwar noch nicht, ob die aktuellen Impfungen vor der Omikron-Variante schützen, aber: «Es geht noch mehrere Monate, bis wir einen neuen Impfstoff hätten», sagt Masserey. Es sei wichtig, sich jetzt zu schützen und keine neue Impfstoff-Variante abzuwarten. Hauri ergänzt: «Es gibt auch die Delta-Variante, die uns Sorgen bereitet. Die Auffrischungsimpfung ist eine Möglichkeit, diese Welle zu brechen.»

Bietet ein Impf-Mix einen besseren Impfschutz?

«Es gibt noch nicht genügend Daten dafür, dass ein Mix zwischen dem Moderna- und Pfizer-Impfstoff einen besseren Schutz bietet», sagt Virgine Masserey. «Wir empfehlen für die Auffrischungsimpfung den selben Impfstoff wie bei den ersten beiden Impfungen.»

Gibt es bereits Schweizerinnen und Schweizer, die sich in der Schweiz mit Omikron angesteckt haben?

Das sei möglich, so das BAG. Es sei aber schwierig zu sagen, ob die rund derzeitigen Omikron-Ansteckungen im Ausland oder in der Schweiz passierten. Das BAG schätzt, dass derzeit rund 3,6 Prozent der Infektionen auf die Omikron-Variante zurückfallen.

Ist die Omikron-Variante gefährlicher für Kinder als andere Varianten?

Darüber kann das BAG keine Auskunft geben. Grundsätzlich verbreite sich das Coronavirus aber derzeit bei Kindern zwischen sechs und elf Jahren sehr stark.

In Belgien wurden die Weihnachtsferien für die Kinder dieses Jahr verlängert – ist das auch in der Schweiz denkbar?

Eher weniger: Gemäss Urs Karrer von der nationalen Corona-Task-Force sei es wichtig, dass die Schulen offen bleiben, damit die Kinder eine kontinuierliche Ausbildung erhalten. Ferien zu verlängern, werde nicht begrüsst. Aber es brauche Anpassungen bei den Schutzkonzepten der Schulen und Booster-Impfungen. Da vermutlich viele Kinder die Ansteckungen über Weihnachten in die Familien tragen.

In Neuenburg braucht es für Treffen mit mehr als zehn Personen ein Zertifikat – kommt diese Regel auch in anderen Kantonen?

Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte VKS, würde das begrüssen. Es liege aber in der Kompetenz der Kantone, dies festzulegen.

Könnten die Kantone aufgrund der Impfungen, Tests und die Spitalauslastung über Weihnachten an ihre Grenzen kommen?

Das sei gut möglich, so die Experten des Bundes. Die Armee soll dabei helfen, die Situation zu bewältigen. Der Bundesrat stellt den Kantonen 2500 Armeeangehörige zur Verfügung, die bereits diese Woche in den Kantonen zum Einsatz kommen können. Sie sollen das Spitalpersonal unterstützen, bei der Impfkampagne mithelfen oder Patiententransporte übernehmen.

Wer wird für den Armeeeinsatz aufgeboten?

Die Unterstützungsleistungen der Armee werden in erster Linie von Formationen erbracht, die sich im Wiederholungskurs befinden, durch einige Freiwillige mit Sanitätsausbildung sowie durch Sanitäts-Durchdiener.

Falls der Bedarf den verfügbaren Bestand an Sanitätsspezialisten übersteigt, kann das Aufgebot von nicht im Dienst stehenden Formationen mit hoher Bereitschaft notwendig werden. Die Kantone können allerdings erst auf das Militär zurückgreifen, wenn alle Ressourcen im Kanton ausgeschöpft sind.

Kommen vor Weihnachten weitere Corona-Verschärfungen dazu?

«Der Zugang zur Gesundheitsvorsorge könnte in naher Zukunft nicht mehr überall gewährleistet sein», warnt der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri. Nur wenn die Massnahmen des Bundesrates in den nächsten Wochen eine Wirkung zeigen, entspanne sich die Situation. Sollte dies nicht der Fall sein, seien weitere Verschärfungen wie eine Maskenpflicht drinnen und draussen oder eine Schliessung von gewissen Betrieben notwendig.

Urs Karrer, Vizepräsident der nationalen Covid-Task-Force glaubt, dass die Massnahmen die Ansteckungen nicht zu senken vermögen. Wie sich die Bevölkerung verhalte, habe einen weit grösseren Einfluss.

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Quelle: CH Media Video Unit / Silja Hänggi

Und wie soll sich die Bevölkerung verhalten?

Für die Experten des Bundes sind es vor allem diese Punkte, die helfen, das Virus einzudämmen:

  • Auffrischungsimpfung
  • Maskenpflicht
  • Kontakte minimieren

Hier der Ticker zum Nachlesen der Medienkonferenz:

veröffentlicht: 7. Dezember 2021 17:09
aktualisiert: 7. Dezember 2021 17:15