«Wut»: Feministischer Streik rechnet mit Kapo St.Gallen ab

Der feministische Streik St.Gallen übt scharfe Kritik an der Kantonspolizei. Besucherinnnen am Frauenstreik im Juni 2019.
© Michel Canonica / St.Galler Tagblatt
Der Shitstorm gegen die Kantonspolizei St.Gallen, nachdem heikle Passagen in einem Online-Frauenratgeber publik wurden, wirft weiterhin hohe Wellen. Der Polizeisprecher bittet abermals um Entschuldigung, Frauenverbände kritisieren die Gesetzeshüter scharf und fordern Massnahmen.

Noch sind sie nicht geglättet, die Wogen, die ein Frauenratgeber der Kantonspolizei St.Gallen am Wochenende einen Shitstorm einbrachte. Im heftig kritisierten Ratgeber namens «Frauen alleine unterwegs», der schon einige Jahre online ist, standen Sätze wie «Es liegt auf der Hand, dass Sie ein leichtes Opfer sind, wenn Sie nicht bei klarem Verstand sind» oder «Treten Sie stets selbstbewusst auf. Frauen, die Selbstbewusstsein ausstrahlen, werden weniger belästigt als verschreckte Frauen, die unsicher nach Hause huschen.»

Eine Politikerin lud Auszüge aus dem Ratgeber auf Twitter, dort wurde die Kantonspolizei St.Gallen von Userinnen und Usern massiv kritisiert (FM1Today berichtete).

Kantonspolizei will Missstände ändern

Kurz und knapp äussert sich Polizeisprecher Hanspeter Krüsi zum Ratgeber: «Die Kantonspolizei St.Gallen wollte mit diesem nur Gutes tun.» Man habe zu wenig darauf geachtet, dass man mit diesen Tipps Gefühle verletzen könnte.

«Der erwähnte Ratgeber ist nicht mehr der neuste», sagt Krüsi: «Uns ist bewusst, dass er ganz sicher nicht mehr den Anforderungen an eine ausgewogene Formulierung bezüglich der Opfer- und Tätersicht entspricht.»

Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen

© Kapo SG

Konkrete Massnahmen werden ebenfalls getroffen: «Wir werden das bei sämtlichen, präventiven Ratgebern auf unserer Website überprüfen und wo nötig anpassen.»

Wut beim Feministischen Streik St.Gallen

«Der Ratgeber hat mich sowohl befremdet als auch Wut ausgelöst», sagt Ronja Stahl vom feministischen Streik St.Gallen auf Anfrage von FM1Today. Insofern befremdlich sei auch folgender Gedanke: «Geschieht ein Übergriff und die Person geht zur Polizei – wird sie dann etwa zuerst gefragt, ob sie auch genug selbstbewusst aufgetreten ist?»

«Nichts angekommen» bei der Polizei

Seit vielen Jahren kritisieren Feministinnen und Feministen patriarchale Strukturen und Rape-Culture (Gesellschaften, in denen Vergewaltigungen oder sexuelle Gewalt weitgehend toleriert oder geduldet werden, Anm. d. Red.), sagt die Juso-Politikerin: «Der Ratgeber zeigt eine grosse Lücke bezüglich des Wissensstands und Verständnis seitens der Polizei für feministische Anliegen und den Schutz von Betroffenen».

Offenbar sei von all den oben genannten Themen bei den Beamten «nichts davon angekommen.» Diese Art von Tipps machen auf Stahl nicht den Eindruck, als würde die Kantonspolizei Betroffene ernst nehmen.

Ronja Stahl, feministischer Streik St.Gallen

© zVg

Löschung ist «richtiger Schritt»

Das sei ganz klares Victim-Blaming. Auf gut deutsch Täter-Opfer-Umkehr: «Du als Frau sollst nicht zu viel trinken – ansonsten kann es ‹halt› zu einem Übergriff kommen.» Die betroffene Person sei niemals schuld an einem Übergriff, «sondern ausschliesslich der Täter», sagt Stahl.

Dass der Ratgeber gelöscht wurde, findet Stahl einen «richtigen Schritt». Ebenso freut sie sich, dass die Kantonspolizei um Entschuldigung gebeten hat.

«Polizei akzeptiert diese Haltung»

Die feministische Kritik an der Kantonspolizei ist damit allerdings noch lange nicht verebbt, im Gegenteil. Für Ronja Stahl liegt das Problem nämlich im ganzen Korps: «Wenn so eine falsche Kommunikation innerhalb der Kantonspolizei seit Jahren niemandem aufgefallen ist, dann zeigt das wohl auch, dass innerhalb der Polizei diese Haltung akzeptiert ist».

Ein Männer-Ratgeber ist nur «Symptombekämpfung»

Ein in den sozialen Medien geforderter Männer-Ratgeber könne die Problematik nur bedingt lösen, sagt Stahl: «Diese patriarchalen Strukturen, welche zu Rape-Culture führen – beispielsweise die Sexualisierung weiblicher Körper, die permanente Abwertung von Frauen, Sozialisation oder Täterschutz – müssen also gesamtgesellschaftlich angegangen werden». Ein Männer-Ratgeber könne allenfalls für mehr Reflexion führen, aber ohne weitere Massnahmen bleibe es lediglich Symptombekämpfung, so die 24-Jährige.

«Innerhalb der Polizei muss ganz klar ein Klima geschaffen werden, wo Victim-Blaming keinen Platz hat», sagt die Juso-Politikerin. Zudem fordert sie eine bessere Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Gewalt, verstärkte Schulung der Beamten und ausgebaute Zusammenarbeit mit Fachpersonen.

veröffentlicht: 15. März 2021 16:56
aktualisiert: 15. März 2021 16:56