Paul Grüninger: St.Galler Kantischüler schwer beeindruckt vom mutigen St.Galler

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: tvo

Der St.Galler Polizeikommandant Paul Grüninger bewahrte während des Zweiten Weltkriegs hunderte Jüdinnen und Juden vor dem sicheren Tod. An seinem 50. Todestag bewegt seine Geschichte noch immer – so auch die Schüler an der Kanti am Burggraben.

Er war einer der mutigsten St.Galler überhaupt. Während in Deutschland das politische Klima für Juden immer feindseliger wurde, erliess die Schweizer Regierung eine einschneidende Weisung: Jüdinnen und Juden durften die Schweiz nur noch mittels Visum oder zur Durchreise betreten. Deutsche Juden wurden von der Schweiz ab Oktober 1938 in der Regel nicht als politische Flüchtlinge aufgenommen.

Das, obwohl spätestens nach der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 klar war, dass Juden auf deutschem Reichsgebiet mehr als nur gefährdet waren. Diese neue Realität wurde von der Schweizerischen Bevölkerung grossmehrheitlich stoisch aufgenommen. Doch einer wehrte sich. Bei einer Sitzung von kantonalen Polizeifunktionären verteidigte der St.Galler Polizeikommandant Paul Grüninger als Einziger die jüdischen Flüchtlinge und sagte:

Doch es blieb nicht bei leeren Worten: Grüninger fälschte absichtlich die Dokumente hunderter Jüdinnen und Juden und ermöglichte ihnen so den sicheren Grenzübertritt, unter anderem über die Grenzübergänge im Rheintal.

Als sein Tun bemerkt wurde, bekam Grüninger die fristlose Kündigung und lebte fortan in Armut. 1940 wurde er wegen Amtspflichtwidersetzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Für den Rest seines Lebens bekam er keine Festanstellung mehr. In seinem Lebenslauf schrieb er später: «Es ging darum, Menschen zu retten, die vom Tod bedroht waren. Wie hätte ich mich unter diesen Umständen um bürokratische Erwägungen und Berechnungen kümmern können?»

Kantischüler sind beeindruckt

Acht Schulklassen der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen gedenkten dem in Ungnade gefallenen Polizeikommandanten an seinem 50. Todestag. Hierfür schauten die Schülerinnen und Schüler einen Dokumentarfilm und diskutierten hernach darüber. «Ich finde es beeindruckend, dass er es einfach so gemacht hat, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Und das zu einer Zeit, während der es überhaupt nicht selbstverständlich war», sagt die 18-jährige Aline Schwiter. Ob die Jugendlichen selber ebenso mutig gewesen wären, können sie nicht abschliessend beurteilen: «Ob ich das in diesem Masse geschafft hätte, wüsste ich nicht. Ich hätte aber bestimmt versucht, so viel wie möglich zu helfen», sagt Kantonsschüler Jamiro Angehrn. «In Anbetracht der schwierigen Zeit, weiss ich nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, so zu handeln», sagt Ilirjana Marjakaj. Man habe schliesslich gesehen, wie es endete.

Kritik an der St.Galler Regierung

Ebenfalls in der Kantonsschule zugegen ist der Enkel Grüningers, Dieter Roduner. Er ist der einzige an diesem Dienstagnachmittag, der Paul Grüninger noch persönlich erlebt hat. «Für uns war er in erster Linie der ‹Grossbappe›. Er war ein sehr liebenswerter Mensch.» Gegenüber den Enkeln habe er ein sehr grosszügiges Gebahren an den Tag gelegt. So sei es öfter vorgekommen, dass er den Kindern ab und an ein Geschenk mitgebracht habe. «Obwohl er selber nicht viel hatte.» Roduner hat aber auch die schlechten Erinnerungen immer mit dabei: «Wie die St.Galler Regierung mit meinem Grossvater umgegangen ist, war eine dunkle Geschichte.»

Auch der SP-Ständerat Paul Rechsteiner setzt sich bis heute für Grüninger ein und hat sich massgeblich an der Rehabilitation des Polizeikommandanten beteiligt: «Sein Verhalten ist bis heute ein Zeichen dafür, dass es darauf ankommt, wie sich Leute – Amtsinhaber oder nicht – verhalten. Die Menschlichkeit muss sich beweisen, wenn es darauf ankommt.»

veröffentlicht: 22. Februar 2022 19:54
aktualisiert: 22. Februar 2022 19:59