«Jetzt schicken wir die Mutter in Pension»

Über 40 Jahre lang arbeitete Johanna Von Dach im «Tabak-Lädeli» in Uzwil. Mit fast 90 Jahren wird sie im Herbst in den Ruhestand geschickt, dabei möchte sie eigentlich noch gar nicht aufhören.

Ihre Schultern ragen knapp über den Rand des kleinen Kiosk-Fensters. Sie trägt eine violett gemusterte Bluse, die perfekt zu den Ricola-Zeltli und den Klatschheftli passt, die vor der fast 90-jährigen Uzwilerin auf dem Tisch liegen. Es sieht aus, als wäre sie Teil des Sortiments.

Die Frühaufsteherin

Johanna Von Dach hat eines dieser warmherzigen Grossmutterlächeln, ihre Augen verleihen ihr aber etwas Spitzbübisches. Als hätte sie soeben ein Päckli Stimorol in der Hosentasche verschwinden lassen. Bei ihrem Anblick und ihrer überschaubaren Grösse bekommt man plötzlich Lust, Johanna Von Dach in den Arm zu nehmen und drei dieser feuchten, aber freundlichen Grossmutterküsse auf die Backe zu bekommen. Sie ist die Liebenswürdigkeit in Person und zuständig dafür, dass die Uzwiler morgens, mittags oder abends ihren Schnupftabak, Snus oder die Zigarillos bekommen.

«Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf und öffne um Viertel vor 6 den Kiosk», erzählt die 89-Jährige. «Es ist immer derselbe Trott. Aufstehen, Laden öffnen und um 6 Uhr kommen die ersten Arbeiter.» Seit 42 Jahren steht Johanna Von Dach jeden Tag im Tabak-Laden und war in dieser Zeit nie krank: «Ich bin noch ‹zwäg› und wohne im Haus. Ich mache es gerne und solange ich noch klar denken kann, mache ich weiter.»

Die Geschäftige

Das mit dem Denken klappe immer noch sehr gut, die Kasse stimme immer, bestätigt ihr Sohn Mario Von Dach, dem der Tabak-Laden gehört. Trotzdem muss der Kiosk im November für immer geschlossen werden. «Der Shop ist nicht mehr rentabel», sagt Mario Von Dach. Zuletzt seien nur noch die Löhne und Ausgaben gedeckt worden. «Ich bin froh, hatte ich mit meiner Mutter eine günstige Arbeitskraft. Dank ihr konnte ich den Kiosk aufrechterhalten.»

Johanna Von Dach arbeitet nicht des Geldes wegen: «Ich habe etwas zu tun und würde gerne noch weiterarbeiten. Aber irgendwann ist fertig, sagt mein Sohn.» Ginge es nach der fast 90-Jährigen, würde das Geschäft nicht im Herbst schliessen. Der Kiosk sei ein bisschen wie ein zweites Zuhause: «Mein Sohn wohnt nicht mehr hier, hat eine eigene Familie, ich muss mich schon daran gewöhnen, dass ich dann alleine bin.»

Pläne für die Zeit nach dem Kiosk hat sie noch keine. Nicht einmal auf das Ausschlafen freue sie sich besonders: «Ich stehe gerne früh auf.»

Dass die Frau, die manchmal mit einem «Schämeli» am Kiosk steht, schon zum Inventar gehört, ist auch den Gästen aufgefallen: «Ich rede viel mit den Leuten, die hier vorbeikommen. Viele sagen: ‹Jetzt sind Sie immer noch hier› oder ‹Sie sind schon jeden Tag hier› – das motiviert mich und ich werde es vermissen.»

Johanna Von Dach nimmt eine Plastiktüte aus einer Schublade. Erklärt, dass diese für den Tabak verwendet werde. «Riechen Sie mal, diese Tabakmischung finde ich am besten.»

Die Rentnerin

Sie steckt ihre Nase in einen gläsernen Behälter, der mit einer Reihe weiterer Dosen auf einem alten Möbel steht. Zwei davon sind mit Tabak gefüllt. Johanna Von Dach atmet tief ein. «Das mache ich am liebsten, Tabak abfüllen.» Früher seien noch viel mehr Tabakwaren verkauft worden. Die Regale seien voll damit gewesen. «Die meisten Tabak-Pfeifen-Raucher sind aber mittlerweile gestorben», sagt Mario Von Dach. Auch der Zeitschriftenverkauf habe stark abgenommen: «Früher verkauften wir viermal so viele Zeitschriften und Zigaretten wie heute.»

Der Tabak-Shop versuche aber stets, mit den Trends zu gehen. So lassen sich in den Regalen auch CBD-Zigaretten, Hanf-Schnupf, E-Zigaretten oder Snus-Dosen finden. «Mein Sohn musste mich aufklären, wie das mit dem CBD und Schnupf ist», sagt Johanna Von Dach. Jetzt könne sie die Kunden in diesen Bereichen sogar beraten. «Vor allem dieser Schnupftabak ist im Trend. Ich habe ihn auch schon probiert, musste aber sehr oft niesen», sagt die Uzwilerin und lacht.

Johanna Von Dachs Lachen ist ansteckend und sie will gar nicht mehr damit aufhören, erst recht nicht, als ihr Sohn sagt: «Ja, im November schicken wir die Mutter in Pension.» Doch das herzhafte Lachen vermag den Hauch von Traurigkeit in den Augen der Uzwilerin nicht zu vertuschen. Ihre Schultern ragen jetzt noch knapp über den Rand des Kiosks, doch schon bald wird man von Johanna Von Dach nur noch den Rücken sehen, wie er sich langsam und endgültig vom Tabak-Lädeli entfernt.