Im Tal der Latten

Im Toggenburg, unter anderem am Bahnhof Wattwil, gibt es derzeit viele Baustellen.
© Toggenburger Tagblatt
Ich habe gezählt. Es gab sechs Baustellen, an denen ich am Wochenende vorbei fuhr. Ich brauchte für die Fahrt ins Toggenburg doppelt so lange wie üblich. Meine anfänglichen Wutausbrüche, Schreikrämpfe und Lenkrad-Prügel-Attacken verwandelten sich aber mit jeder roten Ampel und jedem Baustellen-Hinweis-Plakat in eine Tiefenentspanntheit, wie sie nur Baustellen auslösen können. Ein Kommentar zu meiner Baustellen-Hassliebe.

Es ist geschehen. Das Landei ist zurück im Nest. Ich bin von der Grossstadt St.Gallen zurück nach Wattwil gezogen. Zum enormen Kulturschock, der mit diesem Umzug einherging, kam noch etwas anderes hinzu. Das Pendeln. Und mit dem Pendeln wurden Wartezeiten zu meinem neuen Weggefährten und die rot-weiss gestreiften Baulatten zum Zeichen unserer Liebe.

Die digitale Anzeige auf dem Armaturenbrett zeigt

17.36 Uhr.

Ich stehe auf dem Pannenstreifen vor der Ausfahrt Wil. Die Ausfahrt und mich trennen noch gefühlte zehn Kilometer. Wie eine Halskette aus farbigen Aluminium-Kugeln schleicht die Blechkolonne dem blauen Schild mit dem weissen Pfeil entgegen. Jedes Mal wenn ein Auto auf der rechten Autobahn-Spur an meinem vorbei rast, gibt es einen Ruck und ich habe das Gefühl, dass ich mich mehr zur Seite bewege als vorwärts.

17.51 Uhr:

Ich habe es aus der Autobahnausfahrt geschafft, stehe nun aber vor dem Kreisel in Wil. Dem doppelspurigen Kreisel in Wil, den irgendwie niemand zu checken vermag. «Muss ich nun auf der äusseren oder der inneren Spur fahren?», ist in den fragenden, roten, genervten Gesichtern der Autofahrer zu lesen. Hupen, abruptes Bremsen, heftiges Winken sind die Antworten. Die orangen Umleitungstafeln, welche die Fahrt ins Toggenburg säumen, vermögen die generelle Stimmung nicht aufzuheitern. Wildes Verwerfen der Hände, Kopfschütteln und Fluchen sind die üblichen Reaktionen, welche die Farbe orange kombiniert mit dem Wort Umleitung bei den Autofahrern auslöst.

Von diesen Tafeln gibt es derzeit im Toggenburg viele. Zu viele, sagt mein pendelndes Umfeld. Nicht nur sind diverse Umfahrungen und Strassen gesperrt, auch gibt es Baustellen auf Zugstrecken. Beispielsweise verkehrt zwischen Herisau und St.Gallen ein Bahnersatzbus und das Obertoggenburg ist Zug-technisch komplett von der Aussenwelt abgeschnitten.

Die Schweiz ist im Sommer mehr Loch als Landschaft und wie es Löcher so an sich haben, werden sie besser umfahren, wenn eine Sauerei vermieden werden soll.

18.08 Uhr:

Der Kreisel liegt hinter mir, die erste Baustelle auch. Meine Hände sind schwitzig und hinterlassen eine feuchte Spur auf dem Lenkrad. Mein linkes Bein verkrampft sich allmählich vom ständigen Drücken der Kupplung und mein rechter Wadenmuskel wirkt definierter vom ständigen Wechsel zwischen Brems- und Gaspedal. Stau ist Training. Ich muss lächeln, schüttle den Kopf und lächle wieder. Ich bin so gereizt, so genervt, so völlig von jeglichem Geduldsgefühl verlassen, so enttäuscht von der Menschheit und von jedem Fahrlehrer, der einen Schüler durch die Autoprüfung brachte, dass lachen die komplett falsche Reaktion meines Körpers ist.

Eigentlich will ich heulen. Heulen, schreien und alles verfluchen. Die Menschen, die immer noch mehr Strassen und noch mehr Verbindungen wollen, die Politik die dem Volk blind gehorcht und die Transport- und Strassenunternehmen, die für jedes unbesetzte Fleckchen Erde bereits Ideen im Hinterkopf haben, wie sie es schänden und zu ihrem Zweck brauchen können.

Wir bauen und kaum ist etwas fertig gebaut, entsteht die nächste Baustelle. Werden wir jemals durch die Schweiz fahren können, ohne dabei durch eine Baustelle eingeschränkt zu sein? Werden wir jemals auf der Autobahn unterwegs sein, ohne dass sich die Strasse an einer Stelle verengt, weil Belagsarbeiten stattfinden? Und werden wir jemals einen Tag erleben, an dem keine Fahrleitung gestört und der Zugverkehr nicht eingeschränkt ist?

Vermutlich nicht. Deshalb ergibt es keinen Sinn, Energie und Emotionen in Form von Fluchwörtern gegen die Windschutzscheibe zu knallen oder die eigene Wut in Form von unaufhörlichem Hupen zum Ausdruck zu bringen. Chillt euer Leben.

18.18 Uhr:

Ich stehe vor einer Ampel. Meine Augen fixieren den roten, leuchtenden Punkt. Ich habe eine Verabredung in zwölf Minuten. Kennt ihr diesen Druck in der Brust, wenn ihr wisst, dass ihr es pünktlich schaffen könntet, plötzlich aber eine unerwartete Zeitverzögerung in euer Leben tritt? Eine Ampel oder ein Traktor, der einfach nicht überholt werden kann, weil die Strasse eine Kurve nach der anderen einschlägt?

Ich hasse das. Zu spät kommen, ohne dass ich wirklich Schuld bin an der Zeitverzögerung. Ich spüre schon den bösen Blick meiner Verabredung, da trifft mich ein anderer Blick. Der eines verschwitzten Mannes in einer orangen Leuchtweste.

Er wirkt nicht unglücklich und schiebt eine grosse Walze vor sich hin. Langsam. Gemächlich. Die Walze drückt den heissen, schwarzen, rauchenden Teer platt und zum ersten Mal in den letzten 60 Minuten spüre ich eine Gelassenheit und Entspannung, die ich normalerweise nur bei Massagen oder am Sonntagmorgen spüre. Ein weiterer Bauarbeiter steht mit einer Schaufel neben dem Mann mit der Walze und drückt vorgängig den Teer grob zurecht. Weiter vorne sehe ich einen Mann mit einem Presslufthammer, der ganze Strassenschichten zunichte macht. Faszinierend.

Ich könnte den arbeitenden Männern noch stundenlang zuschauen, würde mich nicht ein wildes Hupkonzert aus meinem Gaffen reissen. Das lang ersehnte grüne Licht leuchtet vermutlich schon eine ganze Weile auf der Ampel und mein Auto ist noch nicht einmal eingeschaltet. Schnell drehe ich den Zündschlüssel und passiere langsam die Baustelle. Am Ende der Baustelle überholt mich ein Auto, dessen Beifahrerin mir wütend den Stinkefinger zeigt. Dem heftigen auf und zu bewegen der Lippen an zu urteilen, verflucht sie mich gerade. Ich lächle sie an und sie verstummt.

18.45 Uhr:

Ich bin zuhause. Ich habe für eine Fahrt, die normalerweise höchstens 45 Minuten dauert, über 90 Minuten gebraucht und trotzdem geht es mir gut. Baustellen sind ein bisschen wie eklige Pickel auf der Stirn. Sie sind widerlich und lästig, plötzlich entwickelt man aber eine gewisse Freude am Ausdrücken der Biester. Und sind die Pickel oder in unserem Fall die Baustellen irgendwann wieder weg, ist die Freude umso grösser. In diesem Sinne: Lieber ein Tal voller Latten als ein Auto mit Platten.