«Schatz Gottes, das gehört nicht dorthin!»

Sie fuchtelt und schimpft, ist streng und direkt – Erika Stillhart arbeitet schon zehn Jahre für die Entsorgungsstelle Schönenberger in Lichtensteig und obwohl sie ihre Kunden nicht selten zurechtweist, kommen viele Toggenburger nur wegen ihr. Sie ist eine Berühmtheit, die gute Seele des Betriebs.

Eine Flasche geht klirrend zu Bruch. Erika Stillharts strenge blauen Augen sind auf die junge Frau gerichtet, die das Geräusch verursacht hat. «Schatz Gottes», sagt sie seufzend und ergänzt in ihrem Vorarlberger Dialekt: «Glas gehört in die Box ganz hinten», sie eilt der Frau zur Hilfe, nimmt ihr den Papiersack mit dem restlichen Abfall aus der Hand und erledigt das Entsorgen selbst. «Du musst die Sachen anfassen, dann spürst du, wo sie hingehören», belehrt sie die etwas verwirrt schauende Kundin. «Ich mache das für dich, kostet einen Fünfliber.»

Erst wenn man die Dinge anfasst, spüre man, wo sie hingehören, sagt Erika Stillhart zu einer Kundin. (Bild: Lara Abderhalden)
© Erst wenn man die Dinge anfasst, spüre man wo sie hingehören, sagt Erika Stillhart zu einer Kundin. (Bild: Lara Abderhalden)

«Habt ihr denn keine Augen?»

Wie bestellt und nicht abgeholt steht die Kundin zwischen den vielen roten Boxen und beobachtet, wie Stillhart flink wie ein Wiesel die restlichen Abfälle entsorgt. Die Kundin reicht ihr einen Fünfliber und verschwindet dankend. «Man muss streng sein in meinem Beruf», erklärt Stillhart und eilt zu einem silbrigen BMW, dessen Besitzer drauf und dran ist, den gleichen Fehler wie die vorherige Kundin zu machen.

«Mein lieber Schatz, erst einmal wäre ich dir unglaublich dankbar, wenn du den Motor abstellen könntest, dann helfe ich dir», sagt sie zum Mann. Dieser versucht noch, sich zu wehren, merkt aber schnell, dass die Entsorgungs-Berühmtheit kein Aber kennt.

«Es gibt gewisse Regeln, die eingehalten werden müssen», sagt Stillhart. Sonst komme man in diesem Beruf nicht weiter. «Es ist manchmal mühsam, den Leuten immer auf die Finger schauen zu müssen. Ich sage ihnen: ‹Habt ihr denn keine Augen? Schaut doch zuerst in den Boxen, bevor ihr etwas hineinwerft.›»

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Quelle: FM1Today

«Ich komme nur wegen ihr»

Es ist ungefähr halb drei Uhr nachmittags und die Entsorgungsstelle ist voll. Menschen mit Säcken voll Flaschen, gestapeltem Altpapier oder ganzen Möbeln eilen umher. Verfolgt werden sie bei jedem Schritt von Erika Stillhart. Sie ist ein bisschen wie ein bissiger Appenzeller Sennenhund, aber ein sehr liebenswürdiger. Ihre braungebrannten, kräftigen Arme zerreissen Kartonschachteln, tragen Möbel aus den Kofferräumen und befördern Flaschen in hohem Bogen in die vielen Boxen. Ihre Haare, die zu einem straffen Zopf geformt sind, wedeln bei jeder Bewegung hin und her.

«Sie kann ganz schön streng sein und schimpft ab und zu», sagt eine ältere Frau. «Das muss in diesem Beruf aber sein. Ich finde sie super, ich komme nur wegen ihr hierher.» Die Frau reicht Erika Stillhart ein Kaffee-Glacé, ihre Lieblingssorte.

Sie bekommt Glacé, Guetzli oder Sonnencreme

So wie dieser Kundin geht es vielen. Erika Stillhart ist im Toggenburg ein Begriff, man kennt und schätzt sie: «Sie ist der Wahnsinn. Es gibt niemanden, der so ist wie sie», schwärmt ein Mann in Anzugshose und Hemd. Er komme ein- bis zweimal im Monat hierher.

«Kann ich das alles hier hineinwerfen?», fragt ein anderer Kunde und hält drohend einen Pack mit Kartonschachteln über den Papiercontainer. Erika Stillhart will schon reklamieren, merkt dann aber, dass der Kunde sie nur veräppeln will. «Du bist mit einer», sagt sie lachend.

Viele Kunden, die Erika kennen, erlauben sich ab und zu ein Spässchen. (Bild: Lara Abderhalden)
© Viele Kunden, die Erika kennen, erlauben sich ab und zu ein Spässchen. (Bild: Lara Abderhalden)

Meistens seien die Menschen sehr freundlich und lieb. Schon oft hat ihr jemand ein Glacé, Schokolade oder Guetzli mitgebracht. «Auch schon wollte mich einer mit Sonnencreme einschmieren.» Auf die Frage, ob sie viele Verehrer habe, schmunzelt sie nur und sagt: «Es kommen schon viele.»

Erika Stillhart führte früher ein Restaurant

Die 57-Jährige hat nicht immer hier gearbeitet. Sie kam vor vielen Jahren aus Schruns in Vorarlberg wegen eines Mannes in die Schweiz, arbeitete schon einmal fünf Jahre beim Schönenberger, hörte dann aber auf, weil sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Restaurant eröffnete. Als die Beziehung auseinander ging, holte die Familie Schönenberger sie zurück. Für den Betrieb ist die Österreicherin ein Aushängeschild: «Wir sind sehr froh, Erika hier zu haben. Sie zieht die Kunden an und weiss, wie man mit ihnen umgehen muss. Wenn sie arbeitet, läuft die Abgabestelle und es herrscht gute Stimmung im Betrieb», sagt Sandra Schönenberger, mit ihrem Gatten Francois, Inhaberin des Familienbetriebs Schönenberger Recycling Toggenburg AG.

Menschen haben schon ihre Autoschlüssel entsorgt

Ein Mann hat gerade aus Versehen eine Kiste entsorgt, die er eigentlich noch braucht. Erika Stillhart steigt in den Boxen und reicht dem Kunden das Kistlein: «Es passiert oft, dass Kunden Dinge entsorgen, die sie eigentlich noch brauchen. Einmal hat ein Mann eine Nähmaschine seiner Frau vorbei gebracht. Blöderweise war es die falsche. Am nächsten Tag kam er vorbei und wollte die Nähmaschine zurück haben, diese war aber bereits zerlegt und entsorgt, da hatte seine Frau gar keine Freude.» Auch Autoschlüssel seien schon ungewollt entsorgt worden, bis jetzt konnte Stillhart aber fast alle Gegenstände wieder aus den tiefen Truhen kramen.

Erika Stillhart musste schon oft in die Container steigen, um verlorene Gegenstände zu suchen. (Bild: Lara Abderhalden)
© Erika Stillhart musste schon oft in die Container steigen, um verlorene Gegenstände zu suchen. (Bild: Lara Abderhalden)

«Einer wollte mich mal schlagen»

«Wir sind sehr froh, Erika zu haben», sagt einer der Mitarbeiter. «Viele Menschen können Plastik nicht von Aluminium unterscheiden, sie nimmt uns eine Menge Arbeit ab.» Der Arbeiter kannte Erika Stillhart bereits, bevor er bei Schönenberger anfing zu arbeiten. «Sie ist eine bekannte Frau, im Zivilschutz kannte sie jeder bis nach Wildhaus hoch. Sie ist unsere gute Seele.»

Sie ist die gute Seele des Betriebs, sagen die Mitarbeiter. (Bild: Lara Abderhalden)
© Sie ist die gute Seele des Betriebs, sagen die Mitarbeiter. (Bild: Lara Abderhalden)

Unter den Menschen, mit denen Erika Stillhart Kontakt hat, sind aber nicht alle nett. Es gibt auch Menschen, die ihr gegenüber wenig oder keinen Respekt zeigen: «Einmal habe ich einen Kunden gebeten, seine Konfi-Gläser auszuwaschen, dieser sagte, ich sei eine blöde Sau und er würde mich schlagen, sollte ich noch einmal den Mund aufmachen.» Sie habe ihm gesagt er sei dumm und primitiv und solle nur herauskommen, um sie zu schlagen. Er habe die Entsorgungsstelle dann aber ohne ein weiteres Wort verlassen.

Erst vergangenen Samstag musste sie einer Kundin hinterher springen: «Die Frau wollte abhauen, ohne bezahlen!» Solche Menschen seien aber die Ausnahme.

Sie kann auch loben

Inzwischen ist ein weiterer Kunde gekommen. «Hoi Erika», ruft er lächelnd, «ich habe gehofft, dich heute zu sehen.» Er reicht ihr einen Bündel Altpapier und bei diesem Anblick kann die 57-Jährige nicht anders, als den Mann zu loben: «Heiland, hast du das schön gebunden.» Ihre Augen glänzen, die feinen Sorgenfalten auf der Stirn verschwinden, sie lächelt und wirkt für einen Augenblick völlig entspannt. «Danke. Tschüss, en Schöne», verabschiedet sie den Mann, dreht ihm den Rücken zu und sprintet einer Frau entgegen, die gerade einen Coop-Papiersack in die Papiersammlung werfen will: «Halt, Schatz Gottes, das gehört nicht dorthin!»