Deshalb fahren Traktoren jetzt bis tief in die Nacht

Höchste Zeit für Heuballen - das macht aber nicht alle froh.
© Benjamin Manser / Tagblatt
Nicht nur für Sonnenanbeterinnen und -anbeter war der Frühling bis anhin eine Zumutung - beim Bauernverband spricht man sogar vom schlechtesten Frühjahr seit Jahrzehnten. Das Hoch Waldtraut bringt nun eine Gelegenheit, das Heu einzubringen. Doch es muss schnell gehen.

Ein Geruchsfestival für die Nase bot sich während der letzten Tage all jenen, die einer Bauernwiese entlang liefen. Bei den einen der Trigger für einen nostalgischen Kurzfilm im Kopf über die eigene Kindheit - für andere Auslöser von allergischen Reaktionen, Niesen und minutenlanger Blindheit.

Überall liegt das gemähte Gras auf der Wiese. Für die Bauern «höchste Zeit», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbands. Die erste längere Schönwetterperiode bedeutet aber auch lange Arbeitstage-, und nächte.

Nachteinsätze mit dem Traktor

Das geschnittene Gras, die Blumen und Pflanzen müssen eingebracht und zu Ballen gepresst werden. Und zwar bevor es zu feucht wird. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend - doch bei weitem nicht jeder Bauer hat die richtige Ausrüstung dazu. Im Gegenteil - die «Ballenpresser» sind eher Spezialisten. «Pro Gemeinde gibt es eine, vielleicht zwei Maschinen», sagt Andreas Widmer.

Weil das Wetter so lange so schlecht war, konzentriert sich nun die Arbeit von vielen Feldern und Bauern auf wenige Tage und Maschinen. Die Folge: Bis spät in die Nacht hinein zuckt Scheinwerferlicht durch Dunkelheit und Fensterscheiben ländlicher Gegenden, begleitet vom Brummen der Traktorenmotoren.

«Sonst drohen grosse Verluste»

Zu Nachteinsätzen kann es kommen, das ist nicht aussergewöhnlich. Doch die Menge, die dieses Jahr verarbeitet werden muss, ist riesig. «So einen schlechten Frühling hatten wir schon seit Jahrzehnten nicht mehr», sagt Widmer. Immer wieder gebe es wegen der Nachteinsätze Beschwerden von Anwohnern, manchmal werde sogar die Polizei gerufen.

Die Heuballenproduktion, das heisst die Futterkonservierung, ist für die Bauern enorm wichtig. «Wenn das Futter verloren geht, bedeutet das grosse finanzielle Verluste», sagt Widmer. Er sei jedoch zuversichtlich, dass alle rechtzeitig durchkommen. Und die Heuballen beeinflussen nicht nur das Portemonnaie der Bauern, sondern auch die Milchqualität.

«Wichtigster Schnitt des Jahres»

Wenn die Bauern das Futter zur richtigen Zeit einbringen können - also jetzt - dann sind die Kühe für das Jahr bereits zu 80 bis 90 Prozent versorgt. «Der erste Schnitt ist der wichtigste des ganzen Jahres», sagt Widmer, «Qualitativ und quantitav ist er hervorragend.»

Denn beim ersten Aufwuchs blüht die Wiese. Die Ernte liefert deswegen auch besonders viele Nährstoffe. Fällt diese Ernte gut aus, müssen die Bauern weniger Ergänzungsfutter dazugeben.

Bis Mittwoch erledigt

All zu lange müssen geplagte Nachbarn die Lärm- und Lichtemission der Traktoren nicht mehr ertragen. «Im Mittelland sollte die Pressung bis am Mittwoch durch sein. In den höheren Lagen dauert es noch etwas», sagt Widmer.

Die restlichen Schnitte verteilen sich besser über das restliche Jahr, nächtliche Traktorfahrten sollte es dann nicht mehr geben.

Das sei für die Bauern übrigens auch kein Spass.

veröffentlicht: 1. Juni 2021 05:37
aktualisiert: 1. Juni 2021 08:21