«Dann müssten wir das Bier wegleeren»

Aufgrund des Beizen-Lockdowns neigt sich das Fassbier dem Ablaufdatum zu.
© Tagblatt / Ralph Ribi
Brauereien aus Deutschland verschenken tausende Liter Bier oder schütten es weg. Dies weil das Ablaufdatum des Biers erreicht ist oder näher rückt. Ostschweizer Brauereien kennen das Dilemma – haben sich jedoch besser vorbereitet.

Eine lange Schlange von Leuten, die ihre mitgebrachten Gefässe bei der Brauerei gratis mit Bier füllen lassen – oder andere Brauereien, die ihr Bier einfach wegleeren oder als Haarpflegeprodukte verkaufen: Die aktuellen Medienberichte über deutsche Brauereien und ihren Umgang mit tausenden Litern überschüssigem Brauguts sind erstaunlich.

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Quelle: tvo

Der Grund für die vielfältige Bierentsorgung liegt auf der Hand: Der Gerstensaft läuft ab. Die Gastronomie ist seit Monaten geschlossen, es gibt weder Festivals noch Fussballspiele mit Zuschauern.

In der Schweiz besteht diese Situation ebenfalls. Doch lange Schlangen und Freibier gibt es bei uns nicht.

Produktion angepasst

Im Gegensatz zu den teils riesigen Brauereien in Deutschland weisen die Ostschweizer Bierhersteller eine grössere Flexibilität auf. «Wir haben vorsichtig geplant und haben keinen riesigen Vorrat an Bier bis unters Dach», sagt Kurt Moor, Mediensprecher der Brauerei Schützengarten.

Dies setze eine bedarfsgerechte Planung voraus. So gebe es jedoch kaum Bier, das ablaufen könnte.

Ähnlich klingt es bei der Brauerei Locher in Appenzell. «Es gibt zwar einige Retouren von Gastrobetrieben, aber wegleeren kommt bei uns nicht in Frage», sagt Aurèle Meyer. In Appenzell setze man seit Jahren auf die Verwertung der gesamten Produktion. Diese werde weiterverarbeitet zu Chips, Essig, Schnaps oder neuerdings auch Pizza. «Heutzutage können wir fast 100 Prozent der Produktion verwerten», sagt Meyer.

Aus Bier wird Schnaps

Auch das Rorschacher Kornhausbräu wird es nicht geschenkt geben – und weggeleert wird es schon gar nicht, sagt Braumeister Andreas Müller: «Bier wird eigentlich gar nicht so schlecht, dass man es nicht mehr trinken kann. Falls wir jedoch Bier von unseren Gastronomen zurückbekommen, machen wir daraus Bierbrand, also Schnaps.»

Bei der Sonnenbräu in Rebstein kann man ein Wegschütten des eingelagerten Biers nicht ausschliessen. «Wenn unser Bier sich dem Ablaufdatum nähern würde und es Abstriche bei der Qualität gibt, müssen wir es wegleeren», sagt Geschäftsführerin Claudia Graf. Dieses Bier wolle sie nicht verschenken. Nicht aus Geiz, sondern aufgrund des Anspruchs an das eigene Bier.

Da jedoch auch im Rheintal die Produktion heruntergefahren wurde, gebe es ohnehin keine grossen Ablaufposten.

Unterschiede zu Deutschland und erster Welle

Die Situation für die Bierbrauer der beiden Länder ist eben doch auch nicht ganz vergleichbar. Die grossen Brauereien Deutschlands produzieren andere Mengen – und der Lockdown dauert dort auch schon länger.

Während Bars und Restaurants in der Schweiz erst kurz vor Weihnachten schliessen mussten, ist dies in Deutschland bereits seit dem 2. November der Fall. Der Lockdown kam ziemlich unvermittelt und erwischte manche deutsche Brauerei auf dem falschen Fuss.

In der Schweiz hingegen war die zweite Schliessung der Gastronomie absehbar, die hiesigen Brauereien konnten ihre Produktion entsprechend herunterfahren. Dies im Gegensatz zum ersten Stillstand im Frühjahr 2020, wo die Lager der Restaurants und der Bierhersteller prall gefüllt waren.

Das Bier wurde damals auch weiterverarbeitet, der Nachfrage entsprechend aber nicht zu Pizza oder Chips, sondern zu Desinfektionsmittel.

Brauereien hoffen auf Fussball-EM

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Obwohl in der Schweiz nicht so viel Bier vernichtet, verschenkt oder verändert werden muss wie anderswo, ist die Situation für die Brauereien schwierig.

Insbesondere bei denen, die vor allem mit Gastronomen zusammenarbeiten. «Zwar läuft der Verkauf in den Läden und Getränkemärkten gut, aber die Verluste aus dem Gastrobereich können damit niemals kompensiert werden», sagt Kurt Moor von Schützengarten.

Abgesehen von Lockerungen hoffen die Bierbrauer deswegen auch auf die EM im Sommer. Fussball und Bier – das passt seit je her. Grosse Public Viewings mit entsprechenden Bierabsätzen sind zwar fraglich, doch auch der Konsum zu Hause dürfte dann nochmals einen Schub erleben.

veröffentlicht: 31. März 2021 18:56
aktualisiert: 31. März 2021 19:05