Nach Sex-Vorwürfen: Dutoit dirigiert weiter

Bestreitet sämtliche Vorwürfe gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs: der Lausanner Dirigent Charles Dutoit. (Archivbild)
Bestreitet sämtliche Vorwürfe gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs: der Lausanner Dirigent Charles Dutoit. (Archivbild)
© KEYSTONE/EPA/ROBERT GHEMENT
Der Schweizer Dirigent Charles Dutoit ist nach Vorwürfen sexueller Übergriffe für ein Konzert des Nationalorchesters von Frankreich angestellt worden. Anfang 2018 war er nach Anschuldigungen als Chefdirigent des Royal Philharmonic Orchestra in London zurückgetreten.

Das Orchester in Paris teilte der Nachrichtenagentur AP am Mittwoch mit, Dutoit sei ausgewählt worden, ein Werk des französischen Romantikers Louis-Hector Berlioz am Sonntag in der Philharmonie von Paris zu dirigieren, weil der 82-Jährige der einzige Dirigent mit den nötigen Fähigkeiten sei, der kurzfristig verfügbar gewesen sei. Es handelt sich um das prestigeträchtigste Engagement des gebürtigen Lausanners seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn.

Das Orchester äusserte sich nicht zu den Vorwürfen. Die Entscheidung, Dutoit den Job zu geben, sei mit den am Sonntag auftretenden Musikern besprochen worden. Die Philharmonie sagte, es sei das Orchester gewesen, das Dutoit angestellt habe.

2017 wurde durch die AP bekannt, dass drei Opernsängerinnen und eine klassische Musikerin Dutoit sexuelle Übergriffe vorgeworfen hätten, die sich zwischen 1985 und 2010 ereignet haben sollen. 2018 wurden sechs neue Vorwürfe erhoben. Eine Musikerin sagte, der Dirigent habe sie 1988 vergewaltigt. Keine der Frauen erstattete offizielle Anzeige kurz nach den angeblichen Übergriffen, weil sie eigenen Angaben zufolge jung waren und Angst um ihre Karrieren hatten.

Charles Dutoit streitet die Vorwürfe gegen ihn kategorisch ab. Sie seien «so schockierend für mich wie sie es für meine Freunde und Kollegen sind», sagte Dutoit. Er trat nach den Vorwürfen als künstlerischer Direktor und Hauptdirigent des Royal Philharmonic Orchestra in London zurück. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe kündigten Orchester in den USA, Kanada und Australien die Zusammenarbeit auf. Dutoit fängt voraussichtlich im Mai einen Job in St. Petersburg an.

Eine der Frauen, die Dutoit beschuldigt, sagte, sie sei über die Entscheidung des Orchesters schockiert. Das schicke eine «mächtige und katastrophale Botschaft» an Opfer sexueller Übergriffe, argumentierte die pensionierte französische Sopranistin Anne-Sophie Schmidt.

Als Dirigent feierte der Lausanner weltweit grosse Erfolge, unter anderem in den Nationalorchestern von Mexiko und Schweden. Der mehrsprachige Dirigent, der in vierter Ehe mit einer kanadischen Musikerin verheiratet ist, gilt als Kosmopolit und hat mehrere Wohnsitze.