Geh an ein Openair!

Von René Rödiger
... und plötzlich hat man eine neue Lieblingsband.
... und plötzlich hat man eine neue Lieblingsband.© Urs Bucher/St.Galler Tagblatt Archiv
Openairs haben in der Schweiz zunehmend einen schweren Stand, die Zuschauerzahlen schwinden. Dabei bieten sie Musik-Fans ein unglaubliches Menü. Ein Kommentar.

«Ausverkauft» – damit steht das Openair Lumnezia ziemlich einsam in der Festivallandschaft im FM1-Land. Beim OpenAir St.Gallen geht Mediensprecherin Nora Fuchs nicht davon aus, dass es ausverkauft sein wird, beim grössten Festival im FM1-Land, dem Openair Frauenfeld, gibt es ebenfalls noch Tickets.

Die Festivals sind keine Selbstläufer mehr. Dass dem so ist, erklären sich die Festivals ganz unterschiedlich. Beim OpenAir St.Gallen spricht man auf offizieller Seite von natürlichen Wellenbewegungen bei den Zuschauerzahlen. Die Fans machen die fehlenden Headliner dafür verantwortlich. Beim Lumnezia heisst es, dass mit dem Mainstream-Programm (nebst dem Stammpublikum) auch die Zuschauer kommen, eine Strategie, die beim grössten Mainstream-Festival, dem Openair Frauenfeld, hingegen bisher nicht aufgeht.

Bei den grossen Stars weiss man genau, was man für das Geld bekommt

Es dürfte eine Mischung verschiedener Faktoren sein. Das Stammpublikum wird älter und verzichtet eher mal auf ein paar Tage Schlafmangel, laute Musik und schlechte Ernährung. Der jüngeren Generation sind die Eintrittspreise zu hoch: 250 Franken (im Falle von St.Gallen) für eine «Wundertüte» mit vielen weniger bekannten Künstlern ist hoch. Der Vergleich mit einem über 100 Franken teuren Konzert im Hallenstadion hinkt, bei den grossen Stars weiss man ganz genau, was man für das Geld bekommt.

Doch genau das ist das eigentlich Problem. Die Musiklandschaft ist so wahnsinnig langweilig ausserhalb der Festival-Gelände. Wenn sich Veranstalter nicht (fast) sicher sein können, dass sie den Letzigrund ausverkaufen werden, wird die Band nicht gebucht. Im Ausland bereits grosse Stars kommen im Gegenzug eher nicht in kleine Konzertlokalitäten, wo sie als Geheimtipp entdeckt werden können. Klar, es gibt Ausnahmen. Aber eben: Es sind Ausnahmen.

Je unbekannter die Acts, desto eher lohnt sich ein Besuch

Deshalb der Aufruf: Geh an ein Openair! Hier bekommt man ein riesiges Angebot von kleinen und grossen Künstlerinnen und Künstlern. Die Bands spielen eine Art Showcase von einer Stunde und man bekommt einen ersten Eindruck von ihr. Überzeugt die Band, kann man zu einem späteren Zeitpunkt noch immer ein «richtiges» Konzert von ihr besuchen.

Bei Openairs müsste die Devise deshalb heissen: Je unbekannter die Acts, desto eher lohnt sich ein Besuch. Das gilt für kleine und für grosse Openairs. Es ist wie beim Essen. Wer immer nur Pizza isst, entdeckt nie den besten Burger, wer immer nur Bratwurst isst, kommt nie in den Genuss einer Appenzeller Siedwurst. Ein Openair bietet das grosse Büfett an. Irgendwo könnte hier auch die neue Lieblingsspeise (Band) dabei sein. Und eine neue Liebe müsste einem schon ein bisschen etwas wert sein. Also nochmals: Geh an ein Openair!