«Fühlte mich schuldig an Alkoholsucht»

Cécile Kochs Mutter war alkoholkrank – darüber hat sie nun ein Buch geschrieben. (Symbolbild)
Cécile Kochs Mutter war alkoholkrank – darüber hat sie nun ein Buch geschrieben. (Symbolbild)© Sadness and alcohol concept.
Cécile Koch ist mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen. Was bedeutet, dass sie ihr Leben früh selber in die Hand nehmen musste. Nun hat die mittlerweile 30-Jährige ein Buch über diese Zeit geschrieben.

«Ungespülte Teller stapelten sich im Waschbecken, vollgerauchte Aschenbecher standen in eingetrockneten Weinflecken auf den Tischen, die Katzen schliefen satt und glücklich zusammengerollt inmitten des Drecks. Anscheinend hatten sie die Teller ein bisschen vorgespült und sich die leckersten Reste von ihnen geklaut. Die Styroporkisten vom Partyservice stapelten sich in der Küche.»

Diese Zeilen schreibt Cécile Koch in ihrem Buch «Wessen Moral?». Mit diesem will sie anderen Betroffenen zeigen: «Ihr seid nicht allein!» Im Interview erzählt sie, wie man als Kind mit einer alkoholkranken Mutter umgeht – und wie der Alkohol generell die Menschen verändert.

Cécile Koch wuchs mit einer suchtkranken Mutter auf - und hat ihre Geschichte zu Papier gebracht.

Cécile Koch wuchs mit einer suchtkranken Mutter auf – und hat ihre Geschichte zu Papier gebracht. (Bilder: zVg)

Frau Koch, mit einer alkoholkranken Mutter aufzuwachsen, ist sicherlich alles andere als einfach. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Am Anfang habe ich mich selber sehr schuldig gefühlt und verurteilt für das, was da passiert ist. Und war dann auch sehr gemein zu mir selber. Sprich, habe mich selber verletzt, habe lange Zeit sehr sehr wenig gegessen und versucht, auf diese Art und Weise Aufmerksamkeit zu bekommen. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich verstanden, dass das wirklich eine Krankheit war, unter der meiner Mutter litt. Und dass sie nie bewusst versucht hat, meiner Schwester und mir zu schaden.

Heisst, Sie und Ihre Schwester mussten früh Verantwortung übernehmen. Konnten Sie da überhaupt Kind sein?
Ich glaube, ich war trotzdem irgendwo mit Kindlichkeit gesegnet. Kinder haben wahnsinnige Ressourcen, was das angeht. Aber so eine wirkliche Unbeschwertheit und ein Urvertrauen ins Leben wurde mir nie gegeben. Und ich glaube, das zeichnet mich heute noch.

Dazu schreibt Cécile Koch in ihrem Buch:

«Es war nie jemand da, der mir sagte, tu dies nicht, tu das nicht, hier ist dein Essen, wie war dein Tag. Unsere Mutter ist nie morgens mit uns aufgestanden und hat uns Frühstück gemacht, wir hatten auch keine Brote dabei oder eine Mark, von der wir uns was kaufen konnten. Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr aß ich nur, wenn mir etwas gegeben wurde.»

Wie war Ihre Mutter vor der Sucht?
Meine Mutter war ursprünglich eine hochintelligente und wirklich sehr, sehr schöne Frau. Sie hatte einen grossen Freundeskreis und war immer in bunter Gesellschaft. Viele Leute gingen bei uns ein und aus – wir hatten ein Haus voller Lachen.

Und dann, wie hat sie sich verändert?
Die Schönheit meiner Mutter war am Ende komplett verschwunden. Sie war ein abgemagertes, kleines Weiblein, das ganz dünne Haare hatte. Die Haut war eingefallen und sie sah 30 Jahre älter aus, als sie effektiv war. Und von ihrer Warmherzigkeit und ihrer Intelligenz war am Ende kaum noch was zu spüren.

Mit 17 sind Sie ausgezogen. Aber auch dann hat sie die Sucht Ihrer Mutter sozusagen weiter verfolgt.
Da ist es manchmal passiert, dass sie drei- oder viermal wegen der genau gleichen Sache angerufen hat. Da wäre ich am liebsten vor Scham im Boden versunken, das war mir so peinlich. Ich überlegte auch, das Band zu ihr zu kappen, doch die Liebe zu meiner Mutter war stärker.

Die Folge «Gott und d’Wält» mit Cécile Koch gibt es hier zum Nachhören:

Interview: Dario Cantieni