Schnäpse, Senf und Schnipsel – so war meine erste Lozärner Fasnacht

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: PilatusToday / David Migliazza

Unsere St.Galler Redaktorin Lara Abderhalden hat einen grossen Fehler gemacht: Sie kam am SchmuDo in die Redaktion und fragte: «Hä, ist der Schmudo nicht am Abend?» Falsche Frage und eine peinliche Offenbarung einer sehr grossen Wissenslücke – die dringend gefüllt werden musste. Ein Erfahrungsbericht einer Fasnachts-Jungfrau.

Als Jungfrau würde ich mich nicht bezeichnen. Kafi Luz und Konfetti sind mir durchaus ein Begriff und ich weiss, das SchmuDo für Schmutziger Donnerstag steht und dann die Fasnacht beginnt. Nur, bei uns im Toggenburg gibt es Maskenbälle, die am Abend sind. Dass sich die Menschen bereits frühmorgens zu heissen Getränken und lauten Bläsern treffen und im Telefonbuch-Schnipsel-Regen tanzen, war mir nicht nur neu, sondern auch ein bisschen suspekt.

Auch als ich die von Tränen nassen Wangen und laut «brüellenden» Gestalten heute Morgen im Fernsehen sah, die sichtlich berührt die Ankunft mehrerer weiterer verkleideter Gestalten am See abwarteten – konnte ich mit diesen Bildern nicht viel anfangen. Weshalb sind die Menschen an der Fasnacht so emotional? Was bedeutet den Luzernern die Fasnacht? Mit dem Auftrag das herauszufinden und mich gleichzeitig einkleiden zu lassen, wagte ich mich am SchmuDo in die Stadt.

«Aargauer!»

Und die erste Beleidigung folgte subito: «Hey Aargauerin» – wie ich bald erfuhr, werden diejenigen, die keine Kostüme tragen als «Aargauer» bezeichnet. Wer keine Kostüme trägt, wird zwar nicht in den See gestossen, aber doch etwas schräg angesehen. «An der Fasnacht braucht es ein Kostüm», hörte ich mehrfach. Aber das Kostüm schien nicht das Wichtigste zu sein, denn noch öfter wurde mir folgende Frage ins Ohr geschrien: «Möchtest du etwas trinken?». So wurden mir Fröschli, Kafi «Huerenaff» (ja, der heisst tatsächlich so) und komische Schnäpse aus Wasserpistolen in den Mund gespritzt.

Meine «Nacktheit» war schnell vergessen und die Fasnächtlerinnen und Fasnächtler waren bemüht, mir Konfetti bis in die Unterwäsche zu stecken, damit ich mich auch noch ein Jahr lang zu Hause daran erinnern würde. Als wäre das nicht schon genug, sprayten mich zwei farbige Genossen mit Uhu-Leim ein und leerten einen Sack Konfetti über meinem Kopf. Ich war getauft und nachdem mir eine Fasnächtlerin schliesslich noch das Fasnachtsvirus spritzte, fühlte ich mich dazugehörig. Zwar fielen noch der eine oder andere «Senf» oder «Erdbeotörtli»-Spruch, aber wer soll es ihnen übel nehmen – mache ich mich doch manchmal auch über das «rüüdig» lustig, das übrigens auffällig oft in Zusammenhang mit der Fasnacht genannt wurde.

«Hatte Tränen in den Augen»

Ansonsten kamen auf die Frage, was an der Luzerner Fasnacht wichtig ist, vor allem diese Ratschläge: «Du sollst immer etwas zu trinken haben», «Stelle das Getränk nie auf den Boden», «Lass dich treiben» und «An der Fasnacht kannst du alles das tun, was du im Alltag nicht kannst». Ein regenbogenfarbiger Mann erklärte mir zudem: «Wenn du als Auswärtige nicht auffallen möchtest, dann schnapp dir ein paar Ski und fahre damit in Vollmontur durch die Stadt.» Okey. Interessant, aber er hat vermutlich recht – ich wäre auf Ski weniger aufgefallen als mit meiner faden, grauen Jacke, die immerhin mittlerweile mit Konfetti übersäht war.

«Weiss du was?», sagte ein junger Mann mit längeren Haaren, pinkem Stirnband und violettem Hippie-Trainingsanzug während er mir einen heiss dampfenden Pappbecher in die Hand drückt. «Die Fasnacht ist das Beste. Ich hatte heute Morgen wirklich Tränen in den Augen.» Warum? Wollte ich von ihm wissen. «Das kannst du nicht erklären. Wir sind damit aufgewachsen. Es ist einfach ein wunderschönes Gefühl, dass nach so langer Zeit wieder eine Fasnacht stattfinden kann.» Auch ich würde sie lieben, sagte er, bevor wir von einem Fisch an einer Angelrute unterbrochen werden. So langsam hatte auch mich das Fasnachtsfieber gepackt und ich begriff, dass es nicht nur ums Trinken, «brüele» und Party machen geht. Euphorisiert liess ich mich rücklings in die übrig gebliebenen Fötzeli der Tagwache fallen und machte ein «Engeli» zwischen den Telefonnummern.

«Es ist wie eine grosse Familie», bestätigte ein Schamane meine Gedanken. Die Leidenschaft und Ausgelassenheit nach einer Zeit der Einschränkungen standen im Vordergrund. Am Schluss hatte ich zwar immer noch kein Fasnachtskostüm, dafür Konfetti bis in die Socken und die Erkenntnis, dass die Fasnacht den Luzernerinnen und Luzernern berechtigterweise heilig ist, weil sie wunderschön ist und ein Gefühl verstärkt, das allen gut tut. Zusammengehörigkeit.

(abl)

veröffentlicht: 24. Februar 2022 20:06
aktualisiert: 25. Februar 2022 09:54